Es ist Mitte Februar. Der Terminplaner verrät, dass sich zwei Feiertage verlockend um ein Wochenende herum platziert haben. Lukas, ein Mitfreiwilliger, und ich haben uns darum spontan entschlossen das Land zu erkunden. Wohin es genau gehen soll? So richtig klar ist uns das eigentlich nicht.
Der Bahnhof in Bogura
In Bogura treffen wir uns erst einmal, dann suchen wir nach kurzem Aufenthalt einen Bus nach Mymensingh. Dort wollen wir hin, weil es in der Nähe einen sehenswerten Nationalpark geben soll. Danach? Mal schauen. Gebucht ist sowieso nichts, das wird schon.
Insgesamt verbringen wir acht Stunden mit einer strapaziösen Fahrt in einem alten, klapprigen Bus, in dem ich dank meiner Länge nicht zwischen die Sitze passe und darum die untere Hälfte meines Körpers auf dem Gang platziere. Bequem ist das nicht, aber trotzdem werden mich 2/3 der Mitreisenden um meinen Sitzplatz beneiden. Besonders diejenigen, die auf dem Dach mitfahren.
Im Bus nach Mymensingh. Danke für das Bild, Lukas!
Unterwegs berichtet Lukas, dass er in Gaibandha, dort arbeitet er, jetzt ein Fahrrad hat. Ich komme nicht umhin ihm meine Bedenken zu äußern, in diesem chaotischen, unerbittlichen und täglich für dutzende Menschen tödlichen Verkehr Bangladeschs Fahrrad zu fahren. Doch Lukas sieht das ganz gelassen: „Man muss sich nur darin üben im Fluss mit dem Verkehr zu bleiben, dann klappt das schon. Bremsen ist oft die gefährlichste Option!“
Irgendwie verhält es sich ganz ähnlich mit unserer Reise, da sind wir uns einig: Immer schön im Fluss bleiben, nur nicht bremsen, dann kommen wir schon ans Ziel. Auch wenn wir es noch gar nicht kennen!
Unterwegs löst sich auch tatsächlich das erste Übernachtungsproblem: Wir kommen in einer NGO unter, die ein paar nette Gästezimmer hat. Ausgeruht und mit frischem Kopf geht es dann am nächsten Morgen an die Planung: Wie kommen wir jetzt in den Nationalpark? Im Lonely Planet ist die Nummer einer christlichen Mission angegeben. Versuchen wir es also mal dort: „Hallo? Haben sie heute ein Zimmer frei und können uns ein bisschen durch den Park führen?“ Eine aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung antwortet: „Was? Die haben die Nummer immer noch nicht aus dem Heft genommen? Das ist total gefährlich hier! Die Leute im Wald sind alle verrückt, hier sind Menschen umgebracht worden!“ Oh nein! Und nun? Sind wir nicht extra dafür hergekommen? Nein, kann man so nicht sagen. Trotzdem wollen wir uns nicht einschüchtern lassen und fahren los. So schnell lassen wir uns sicher nicht ausbremsen.
Eine Stunde später stehen wir in Modhupur am Waldrand vor einer Hütte, die wir für das 'Forest Office' halten. Uns kommt ein Mann entgegen: „Warum seid ihr hier? Wollt ihr Affen sehen?“ Wir: „Ähm, ja klar, dafür sind wir hier (wir wussten es nur bisher nicht)!“ Er: „Wartet eine Sekunde!“ Besagte Sekunde später kommt er mit einem Teller voll Früchten wieder und schreit in den Wald: „Monkey, monkey, ah, ah ah. Monkey, monkey, ah, ah, ah!“ Kurz darauf hört man erstes Rascheln und Kreischen aus dem Wald und noch ein bisschen später tummeln sich fünfzehn bis zwanzig Affen in den Baumkronen und warten auf das ihnen versprochene Essen! Ein beeindruckendes, wie auch belustigendes Schauspiel. Mit dem erbeuteten Obst hatten sie es ganz eilig schnell wieder auf die Bäume zu kommen, um sich dort ausgiebig mit der Beute zu beschäftigen.
Die Machtverhältnisse im Kapf um die Nahrung sind klar verteilt
Allein dafür hat es sich die Reise schon gelohnt. Danach schaffen wir es sogar noch, im Wald spazieren zu gehen – keine Angst, natürlich mit Guides, auf ungefährlichen Wanderwegen, vorbei an Wäldern, Wiesen, Ananas- und Bananenplantagen. Eine wirklich schöne und erholsame Tour. Schade, dass ein großer Teil der tropischen Wälder Bangladeschs in den vergangenen Jahrzehnten Nutzfläche weichen musste.
Kurz darauf macht sich allerdings das ungute Gefühl breit, dass uns der Fluss verlassen hat. Die Wanderung ist beendet, wir sind wieder in dem kleinen Örtchen Modhupur. Inzwischen ist die Sonne untergegangen und wir müssen irgendwie wieder zurück nach Mymensingh kommen. Angeblich fährt irgendwann noch ein Bus. Nach 10 Minuten warten hält an der wenig belebten und noch weniger befahrenen Hauptstraße ein Krankenwagen. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter: „Wollt ihr nach Mymensingh? Dann steigt ein!“
Über Mymensingh und Bhairab Bazar geht unsere Reise weiter nach Srimangal, in Bangladeschs Zentrum des Teeanbaus. Wieder kommen wir spät abends an, wieder lässt sich die Unterkunft irgendwie regeln, wieder läuft alles glatt und wieder haben wir eigentlich keinen richtigen Plan, was uns eigentlich erwarten wird.
Am nächsten Tag wandern wir gemeinsam mit einem Guide namens Eussuf, den wir noch am Abend kennen gelernt haben, zwischen Tee- und Limonenplantagen umher, lassen die malerische Hügellandschaft von Srimangal auf uns wirken und probieren den berühmten 5-lagigen-Tee (der leider nicht ganz halten konnte, was er versprach). Das Highlight des Tages sollte sich aber ereignen, als die Sonne schon langsam untergeht. Die letzte Station unserer Tour: Einer der letzten Regenwälder Bangladeschs.
Arbeiterinnen ernten Teeblätter
Landschaft in Srimangal
Und dann, ganz plötzlich, mit dem Betreten des Dschungels, ein Bruch in meiner Reisewahrnehmung: Der Fluss versiegt, obwohl wir uns stetig tiefer durch den dicht bewachsenen Wald kämpfen. Dunkelheit legt sich langsam über die tropischen Pflanzen des Waldes. Um uns herum baut sich eine mächtige Geräuschkulisse auf, die uns von der Außenwelt abschirmt: Insekten zirpen, Flügel schlagen, Rascheln dringt aus dichten Sträuchern, von weiter weg hört man einen Affen kreischen. Über uns pfeift ein Vogel sein Lied. Er klingt bunt. Ich will ihn sehen, doch der Blick in die Meter hohen, in Dunkelheit getauchten Baumkronen lässt die Suche nach dem Tier aussichtslos erscheinen. Die Wahrnehmung ist so sehr auf die Natur um uns herum gebündelt, dass die Welt um uns herum still zu stehen scheint. Vielleicht hört sie auch kurz auf zu existieren, ganz sicher bin ich mir da nicht. Da müsste man mal einen Philosophen fragen.
In dem dichten Wald sollte man sich besser nicht aus den Augen verlieren...
20 Minuten streifen wir so mit einem Adrenalinspiegel durch den Dschungel, der den höchsten Bäumen hier locker gewachsen sein dürfte. Abgesehen von ein paar dicken Spinnen, Käfern und anderen Insekten bekommen wir zwar nichts zu Gesicht, trotzdem ist klar, dass sich genügend gefährliche Tiere ganz in unserer Nähe aufhalten. Dazu kommt dass wir nicht sicher, ob Eussuf den richtigen Weg noch kennt. Er wirkt unsicher. Doch mit einem Schlag wird die Spannung, diese dichte Atmosphäre im Inneren des mächtigen, unberührten Waldes von dem Geräusch eines vorbeifahrenden Autos zerschnitten. So plötzlich, dass jeder Gedanke daran, diesen einzigartigen Moment irgendwie festzuhalten, schon vergebens ist, sobald er zu Ende gedacht ist. Auf einmal befinden wir uns wieder mitten im Verkehrsfluss, der uns bereitwillig wieder in sich aufnimmt, um uns mitsamt diesem einzigartigen Erlebnis wieder nach Hause zu bringen.
Dieses freundliche Tier hat Lukas entdeckt, weil er es quasi im Gesicht hatte
Am Ende habe ich doch noch ein paar bunte Vögel vor die Linse bekommen
Das entspricht in etwa unserer Reiseroute
Hey Kai,
AntwortenLöschendamit Du nicht wieder denkst, dass keiner Deinen Blog liest! Immer schön weiter schreiben, ist super!
Lg
Manu