Montag, 24. Januar 2011

Entbehrungen, die keine sind

Auf Wunsch einer einzelnen Dame schreibe ich heute darüber, was ich als die größten Unterschiede zwischen Bangladesch und Deutschland im Alltag empfinde, was mir bisher besonders gefällt, was mir auf den Keks geht und was ich am meisten vermisse. Das kurz und knapp in Worte zu fassen ist unmöglich, weil Bangladesch und Deutschland eben nicht nur verschiedene Länder, sondern verschiedene Welten sind. Einfacher wäre es wahrscheinlich die Gemeinsamkeiten aufzuzählen. Darum beschränke ich mich auf drei Punkte.

Über das 'Ausländer sein' in Bangladesch habe ich zwar schon berichtet, aber ich komme kaum darum herum, noch einmal auf die Gastfreundschaft einzugehen. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass mein Blickwinkel zu verengt wäre, würde ich diese nur darauf zurückführen, dass ich Ausländer bin. Es ist Teil der Kultur und Teil dessen, wie sich Menschen, egal welcher Herkunft, in Bangladesch begegnen. 'Offen, frei von Misstrauen oder Vorurteilen und unheimlich herzlich', trifft es nach meinen bisherigen Erfahrungen ganz gut.

Aktuell bekomme ich dieses Gefühl vielleicht auch etwas zu geballt vermittelt, um noch objektiv darüber urteilen zu können. Seit Anfang Dezember habe ich endlich meine endgültige Bleibe, eine Mietwohnung nahe meines Büros, bezogen. Die ersten drei Monate habe ich in verschiedenen Städten, Hotels, Guesthouses und sogar im Büro gewohnt. Jedenfalls wurde ich von meinen neuen Nachbarn nicht nur freundlich empfangen und akzeptiert, sondern quasi direkt in die Familie aufgenommen. Die kleine Bromi von nebenan nennt mich „uncle“ und ihre beiden Brüder, Ontur und Alif, würden wohl am liebsten direkt mit bei mir einziehen. Das könnte allerdings daran liegen, dass man in meiner Wohnung so gut Badminton spielen kann, weil ich kaum Möbel habe.

Klar ist es müßig und unangemessen Vergleiche mit Deutschland anzustellen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass sich viele Menschen von der Offenheit, Unvoreingenommenheit und der Gastfreundschaft der Bengalen, eine kleine Scheibe abschneiden könnten. Ich werde mir jedenfalls alle Mühe geben von ihnen zu lernen, um eine solche kleine Scheibe mit nach Deutschland nehmen zu können.

Da ich noch keine Fotos von meinen Nachbarn habe, muss ich die Lücke mit einem Bilderrätsel füllen: Welche "Frucht" wächst an dieser Palme, die sich genau vor meinem Fenster befindet?

Abend in Rangpur:

Nun aber zu den Unannehmlichkeiten, es ist ja nicht alles nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ in Bangladesch. Um mich vor der Konfrontation mit dem schwierigen Thema Armut noch ein bisschen zu drücken, habe ich mich für ein anderes Ärgernis entschieden: die regelmäßigen Stromausfälle! Jetzt im Winter ist die Versorgung zwar einigermaßen stabil, wenn aber bei über 35° der Strom für Stunden ausfällt und kein Ventilator mehr ein Lüftchen produzieren möchte, dann kann einen das schon zur Weißglut treiben.

Bambuswälder können da zum Glück oft mit ein bisschen Schatten aushelfen:

Man gewöhnt sich zwar schnell daran, dass man regelmäßig buchstäblich im Dunkeln gelassen wird, aber Strom zu haben ist an sich doch eine gute Sache. Vor einiger Zeit war ich bei einem Arbeitskollegen zum Abendessen eingeladen. Der Reis war schon auf dem Teller, da macht es kurz „Klack“ und wir sitzen im Dunkeln. Kein Problem, entweder isst man einfach weiter und erhofft sich, keine allzu große Schweinerei anzurichten oder man wartet, bis der Strom wieder da ist. Oder man bemüht sich um alternative Lichtquellen. Nebenan hatte ich eine Taschenlampe gesehen und dachte mir, ich tue uns mal was Gutes und hole sie. Leider hatte ich nicht mitbekommen, dass es sich eine der Hauskatzen unter meinem Stuhl bequem gemacht hatte... Nichts ahnend stehe ich auf, was von einem lauten „Miau“ begleitet wurde, weil ich dem armen Tier auf den Schwanz getreten bin. Sie revanchierte sich, indem sie mir einmal herzhaft in den Fuß biss und so waren wir uns dann quitt!

Okay, das ist jetzt natürlich nur bedingt dramatisch. Die erheblichen Engpässe haben für Bangladesch weitaus schlimmere Folgen als für die Katze und mich. Der Bedarf kann in Bangladesch bei weitem nicht gedeckt werden. Experten sagen, dass derzeit nur etwa zwei Drittel des Energiebedarfs des Landes gedeckt sind. Und das schränkt Potenzial ein: Das Potenzial der Menschen, sich zu entfalten und das Potenzial der Wirtschaft zu wachsen.

(Wer mehr über das Thema „Energiekrise in Bangladesch“ lesen möchte: In der aktuellen Ausgabe der Bangladesch-Zeitschrift "Das ist unser Land" finden sich dazu einige interessante Artikel)

Was vermisse ich am meisten? Natürlich Familie und Freunde, keine Frage. Da ich aber fast rund um die Uhr von netten Menschen umgeben bin, die sich um mich kümmern, bleibt kaum Zeit, dass das Gefühl des Vermissens sich mal so richtig ausbreitet. Dennoch finde ich es selbstverständlich schade, dass ich die Freundeskreis-Babies erst in knapp einem ¾ Jahr kennen lernen darf, dass ich den 90. Geburtstag meiner Oma nicht mitfeiern konnte und dass ich sicher noch viele andere Ereignisse verpassen werde.

In anderen Bereichen ist es ähnlich, ich habe scheinbar zu selten mal die Gelegenheit irgendetwas zu vermissen. Nehmen wir das Beispiel Essen: Der Gedanke an eine selbst gemachte Pizza, Grünkohl oder ein Schwarzbrot mit Käse macht mir natürlich Appetit! Aber ärgern tue ich mich überhaupt nicht darüber, dass ich so etwas im Moment nicht bekommen kann. Die Pizzalücke wurde erfolgreich mit Singara und Samosa gefüllt, der Grünkohl schon lange von Shak überrundet und frisch gebackene Ruti mit Dal sind mindestens auf Augenhöhe mit Schwarzbrot und Käse. Ich genieße die neuen Dinge einfach viel zu sehr, um irgendetwas anderes vermissen zu können.

Reiskuchen in einem Dorf in Kaunia, frisch zubereitet von einer unserer Projektteilnehmerinnen:

Besuch aus Deutschland und Muglai in einer Teebude:

Was sie mit dem Thema Essen zu tun hat? Na ja, besonders berühmt für seine Milchprodukte ist Bangladesch nicht gerade...:

Am Ende ist es wahrscheinlich Einstellungssache, wie sehr man Dinge und Luxus vermisst, die man lange Zeit gewohnt war. Entbehrungen zu machen fällt aber auch viel leichter, wenn man sieht, dass die Menschen mit denen man täglich zusammen arbeitet, solchen Luxus nie gehabt haben. Klar jetzt im Winter hätte ich schon gerne eine heiße Dusche, eine Heizung in der Wohnung oder würde auch dem Markt nach einen Glühweinstand absuchen. Man lernt aber doch ziemlich schnell, diesem Luxus seinen eigentlichen Stellenwert einzuräumen und ihn nicht mehr als Notwendigkeit zu betrachten.

1 Kommentar:

  1. Schöner Text zu diesem Thema. Danke.
    Ich hab mir vor ein paar Jahren mal aus Indien Gedanken zu "Beschreibt doch mal euren Alltag" gemacht. http://agricolus.wordpress.com/2008/03/09/beschreibt-doch-mal-euren-alltag/

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