Die Aussicht aus meinem Hotelzimmer in Chuadanga.

Seit 8 Uhr bin ich also wach und ganz gemütlich aufgestanden, bis es um 9 Uhr zum ersten Mal an meiner Tür klopft! Ah, das Frühstück! In dem Gebäude direkt nebenan ist ein Restaurant, das von Frauen aus einem der JCF-Projekte betrieben wird. Eigentlich könnte ich ja auch schnell runter gehen und dort meine morgendlichen Rutis mit scharfem Gemüse und Dal zum Frühstück verdrücken. Aber so läuft das hier nicht! Mir wird das Frühstück von einem der Hauswächter direkt ins Zimmer gebracht. Ob das eigentlich seine Aufgabe ist? Keine Ahnung, jedenfalls wurde er von JCF beauftragt das zu tun und er scheint sich sehr darüber zu freuen mir Dinge bringen zu dürfen. Als ich ihn mit dem üblichen „Assalamu oalaikum“ begrüße, lächelt er mich freundlich an und erwidert den Gruß.
Im Hintergrund erkennt man das Head Office von JCF in Jessore. Leider noch als Baustelle.

Ausländer in Bangladesch zu sein ist etwas sehr gewöhnungsbedürftiges. Man fällt überall auf, wird zuvorkommend und überaus freundlich behandelt. Das sind beides Dinge, die ich so aus Deutschland gar nicht kenne. Freundliche Menschen zu finden ist an manchen Tagen wirklich Glückssache und auffallen würde man in der anonymen Masse einer deutschen Großstadt nicht einmal als bunter Hund. Hier reicht es gar keine richtige Farbe zu haben.
Warum das so ist? Darauf eine Antwort zu finden ist eigentlich recht einfach. Das fast komplett von Indien umgebene Land ist wirtschaftlich nicht besonders interessant für die Global Players, sieht man mal von der Textilindustrie und der Teeproduktion ab, deren Exportmarkt sich bisher fast ausschließlich durch Staaten in der näheren Umgebung erschließt. Viele Ausländer werden von der Wirtschaft also nicht ins Land gelockt. Auch Tourismus spielt in Bangladesch so gut wie gar keine Rolle. Zwar gibt es durchaus sehenswerte Seiten, die Sandstrände von Cox's Bazar oder die Mangrovenwälder der Sundarbans, in denen der bengalische Tiger beheimatet ist, zum Beispiel. Allerdings dienen sie eher der einheimischen Bevölkerung als Urlaubsziele. Abgesehen von einigen Staatsbediensteten und vereinzelten Vertretern der Wirtschaft, trifft man in Bangladesch also auf auffallend wenige Ausländer. Die meisten von ihnen sind wahrscheinlich dem NGO-Sektor oder allgemein der Entwicklungszusammenarbeit zuzuordnen.
Klopf, Klopf, Klopf: Der Wächter hat gemerkt, dass ich mit meinem Frühstück fertig bin und steht mit einem Kaffee vor der Tür. „Vielen Dank, das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, würde ich sagen, wenn mein Bengalisch dafür schon ausreichen würde.
Nicht nur einem selber fällt es auf, dass es kaum Ausländer in Bangladesch gibt, man selber fällt als Ausländer auf! Das erste dies bestätigende Erlebnis hatte ich direkt nach der Ankunft in Dhaka und inzwischen hat sich dieser Eindruck mehr als gefestigt. Der Weg von meinem Gästezimmer in Jessore zum Bürogebäude beträgt etwa 300 Meter, die ich morgens zu Fuß an einer dicht befahrenen Straße zurücklegen muss. Als ich die Strecke das erste Mal zurücklege fällt es mir erst gar nicht auf. Nach den ersten 100 Meter bemerke ich dann aber irgendwann, dass sich aus jeder mich überholenden Rikscha mindestens ein Kopf nach hinten verrenkt, um noch einen Blick auf mich werfen zu können. Den restlichen Weg achte ich ganz genau darauf und stelle fest, dass die Beobachtung wirklich auf 9 von 10 Rikschas zutrifft. In Deutschland wäre das ein Grund noch einmal genau zu prüfen, ob ich mir heute Morgen auch wirklich eine Hose angezogen habe oder mir ein Bonbon im Gesicht klebt.
Klopf, Klopf, Klopf: Der zuvorkommende Wächter steht mit einer Flasche Wasser vor der Tür. Vielen Dank!
Der Buriganga River in Dhaka

Im Alltag äußert sich dieses „anders sein“ dann oft in nach deutschen Maßstäben absurden Situationen. Nicht nur, dass man auf der Straße permanent von zig Menschen begutachtet wird, auch an die Rufe aus vorbeifahrenden Rikschas oder das häufige Angesprochen werden auf der Straße muss man sich gewöhnen. Eine Alltagssituation: Ich stehe am Straßenrand und warte darauf, dass eine Rikscha vorbeikommt. Ein Mann auf der anderen Straßenseite sieht mich. Sein Blick verrät Unentschlossenheit, ein bisschen Schüchternheit, aber auch brennende Neugier. Also gibt er sich einen Ruck und kommt herüber.
Mann: „Hello, how are you?“
Kai: „I'm fine, thank you.“
Mann: „Where is your country?“
Kai: „Germany!“
Scheinbar waren das alle Informationen die er wollte, denn sichtlich zufrieden geht er einfach weg.
Nach der obligatorischen Frage nach meiner Herkunft kann sich dieser Dialog dann aber auch noch um diese beiden Variationen erweitern.
Variante 1:
Mann: „Ooooh, Japany! Nice country!“
Kai: „No I'm from Germany not from Japan!“
Mann: „Yes, yes, Japany!“
Kai (gleichzeitig seufzend und leicht grinsend): „...Ähm!? Okay, thank you.“
Variante 2:
Mann: „Aaah, Germany, nice country. Hitler great leader!“
Kai: „...Öhhh!?“ Und sagt dann resignierend einfach gar nichts, weil er inzwischen weiß, dass solche Diskussionen auf der Straße leider völlig zwecklos sind.
Variante drei gefällt mir dann doch am Besten, die habe ich allerdings erst zwei Mal erleben dürfen. Das erste Mal war während eines Tagesausflugs nach Old Dhaka. Wir, drei andere Freiwillige und ich, schlendern gerade über den Shankharia Bazar, eine schmale Straße, die auch als Hindustraße bekannt ist und durch Architektur und viele kleine Läden wirklich sehenswert ist. Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Geschäft geweckt, in dem sehr einfache selbst gebastelte Flugdrachen verkauft werden. Nachdem wir uns entschlossen haben für jeden einen mitzunehmen, kommt auch von dem Verkäufer die obligatorische Frage nach unserer Herkunft. Seine Reaktion auf unsere ebenso obligatorische Antwort ruft bei mir allerdings ein spontanes Lächeln hervor, das ich noch einige Zeit behalten werde: „Aaaaah, Michael Ballack! Germany good football team!“.
Der Shankaria Bazar in Old Dhaka. Rätsel des Tages: Wer findet den Grund, warum ich gerade dieses Motiv gewählt habe?
Kopf, Klopf, Klopf... Klopf, Klopf, Klopf... Klopf, Klopf, Klopf: Na sowas, der nette Wächter steht ja schon wieder vor der Tür. Diesmal bringt mir vier Packungen Kekse und eine halbe Staude Bananen. Ich hab doch gestern erst eine halbe Staude bekommen, wer soll denn das alles essen?
Ein wenig absurd fühlte es sich dann allerdings schon an, als ich einem meiner Mitarbeiter, Malek, bei JCF vorgestellt werde und er mich darauf aufmerksam macht, dass ich aussehe wie Michael Ballack. Naja, immerhin ist seine erste Assoziation mit Deutschland nicht die vorher erwähnte berühmte Persönlichkeit unseres Landes. Das hätte mich dann doch in arge Bedrängnis gebracht. Mit ihm erlebe ich dann auch die bisher unangenehmste Situation, in der mir besonders deutlich wird, dass ich hier scheinbar einen besonderen Status habe.
Wir sind gerade in einer Projektregion und begleiten eine Gruppe Frauen dabei, wie sie ein Training zum Bestellen ihrer Felder bekommen. Im Anschluss soll nun noch eine Theoriestunde folgen, für die wir uns allesamt vom Feld aus in ein nahes Gemeindegebäude aufmachen. Als fast alle eingetrudelt sind, fragt mich Malek nebenbei, ob ich denn schon hungrig sei, immerhin sei es doch fast Mittagszeit. „Naja, ein bisschen hungrig bin ich schon, aber das ist okay“, sage ich, wohlwissend, dass nach diesem Training unser Besuch beendet sein wird und wir zurück ins Büro fahren werden, wo das Mittagessen bereits wartet. Leider muss ich feststellen, dass richtige Antwort „nein“ gewesen wäre. Malek spring auf, schnellt zu seinem Motorrad, winkt mich zu sich und bevor ich überhaupt schalten kann, sind wir an der nächsten Teebude und mir werden Kekse und Bananen gereicht. Nach 20 Minuten fahren wir dann endlich wieder zurück. Das Training hat noch nicht ohne uns begonnen. Als ich dann auch noch merke, was es für eine besondere Situation es für die Frauen ist, dass ein Ausländer zu Gast ist, ist mir die ganze Situation und der Fakt, dass nur auf mich gewartet wurde, unendlich peinlich.
Besuch bei einer Frauengruppe in Darshana

Klopf, Klopf, Klopf: Und wieder ist es der Wächter, diesmal mit einer weiteren Tasse Kaffee. Die kann ich gerade gut gebrauchen. Ich bedanke mich mit dem hier üblichen Kopfnicken und mache mich an mein Fazit.
In den vergangenen zwei Stunden und 49 Minuten klopft es geschlagene vier Mal und mir wurden neben dem Frühstück eine Flasche Wasser, zwei Tassen Kaffee, vier Packungen Kekse und eine halbe Staude Bananen gebracht. Gefragt habe ich nach nichts davon, aber inzwischen bin ich das fast schon gewohnt. Proteste oder Einwände gegen diese Fürsorge werden sowieso nicht akzeptiert, also muss ich mich wohl damit abfinden, dass andere Leute besser wissen, was ich brauche und was nicht. Da diese Sonderbehandlung aber ja nett, fürsorglich und Teil der scheinbar keine Grenzen kennenden Gastfreundlichkeit ist, kann ich mich mit dieser immer noch etwas befremdlichen Situation allerdings ganz gut arrangieren. Die übermäßige Aufmerksamkeit, die ich im Alltag errege ist dagegen manchmal ziemlich anstrengend, aber in solchen Situationen hilft es mir zu verdeutlichen, dass ich für die Bangladeschis nun einmal ein ziemlich bunter Hund bin und sie darum an mir interessiert sind. Genau so bin ich ja auch an ihnen und ihrem Land interessiert.
Da ich Wünschen ja nachkommen wollte und dieser öfter geäußert wurde, kommen hier noch ein paar Bilder meiner Mitbewohner!


