Montag, 20. Dezember 2010

Ein strahlendes Exempel

Darshana, eine Kleinstadt im Südwesten Bangladeschs. Etwa eine Stunde mit der Bahn von Jessore entfernt, wo das Hauptbüro meiner Partnerorganisation Jagorani Chakra Foundation liegt. Mit einem Kollegen, sein Name ist Mazed, bin ich hier her aufgebrochen, um Treffen von Frauengruppen zu besuchen. Das besondere dieser Frauengruppen: Sie haben bereits vor acht Jahren angefangen im Rahmen eines Projektes mit JCF zusammen zu arbeiten. Seitdem hat sich in ihrem Leben einiges geändert.

Vom Regionalbüro der Organisation fahren wir noch eine halbe Stunde über holprige und teilweise nicht befestigten Straßen mit dem Motorrad. Dabei weichen wir unzählige Male erst im letzten Moment den auf der Straße faulenzenden Kühen und Ziegen aus und werden von unberechenbar die Straße überquerenden Hühner überrascht, bis wir endlich in der abgelegenen Projektregion ankommen. Es ist so drückend heiß, dass mir der Schweiß von der Stirn rinnt. Das Dorf ist eine Ansammlung von Wellblech-, Lehm- und Strohhütten. Überall laufen Tiere frei herum oder sind irgendwo angekettet. Es ist Vormittag, darum arbeiten gerade viele Menschen auf den umliegenden Feldern. So bildet sich nicht so schnell eine neugierige Menschenmenge, was sonst oft der Fall ist, wenn wir Dörfer besuchen.

In der Mitte der Siedlung ist ein kleiner Platz. Unter Bäumen sitzen zehn, vielleicht 12 Frauen auf dem Boden. Fast alle von ihnen galten als extrem arm, als sie vor acht Jahren von NETZ und Jagorani Chakra Foundation ausgewählt wurden, um an dem Projekt teilzunehmen. Inzwischen konnten alle ihren Lebensstandard deutlich verbessern.

Wir stellen uns kurz vor und lassen uns erklären, was seit Beginn des Projektes alles passiert ist. Ich bin wahnsinnig beeindruckt von dem abgeklärten Auftreten, mit dem die Frauen von ihren Errungenschaften erzählen. Sie wirken sehr selbstsicher und stolz auf das Erreichte. Alle haben zu Projektbeginn eine Kuh, Hühner, ein Gemüsebeet oder Ähnliches bekommen. So wie es auch bei den Frauen aus meinem letzten Bericht der Fall war. Inzwischen haben viele von ihnen ganze Ställe voll mit Tieren, besitzen eigenes Land, eigene Felder und eine Frau konnte es sich sogar leisten ein eigenes Backsteinhaus zu bauen.

Mir wird sehr schnell deutlich, dass der Zusammenhalt in der Gruppe essentiell für den gemeinsamen Erfolg ist. Zusammen gehen viele von ihnen auf den Markt, um sich dort nicht übers Ohr hauen zu lassen, wenn sie ihre Ernte oder ihr Vieh mit Profit verkaufen wollen. Gemeinsam sparen sie jede Woche ein paar Taka, um Aktionen in der Gruppe durchführen zu können und gemeinsam haben sie Proteste organisiert, als eine der Frauen von einem Mann im Dorf missbraucht wurde. Gemeinsam sind sie stark! Inzwischen ist ihre Gruppe so unabhängig, dass sie andere Frauen im Dorf unterstützen können, wenn es ihnen schlecht geht.

Mazed erklärt mir, dass seit Projektbeginn alle Frauengruppen eine oder zwei Vertreterinnen gewählt haben, die ihre Gruppe bei Treffen von Kommunalgruppen vertreten. Diese Kommunalvertretungen, insgesamt sind davon in dem Projekt 33 entstanden, bilden einen Überbau und überwachen die Tätigkeiten der Gruppen. Sie können einschreiten, wenn es in einer Gruppe Probleme gibt oder Unterstützung organisieren, wenn diese nötig ist. Sie verfügen über eigene finanzielle Mittel, die sie aus den Ersparnissen der Frauen und aus ihrem Profit erwirtschaften oder die von dem Projekt zur Verfügung gestellt und sinnvoll investiert wurden. Hieraus haben sie zum Beispiel einen Risikofonds gebildet, mit dem Frauen in Notlagen unterstützt werden, beispielsweise wenn eine Frau ihr Vieh durch Krankheit oder eine Naturkatastrophe verliert.

Begeistert von den selbstbewussten Frauen und den gerade gewonnenen Eindrücken, steige ich wieder auf das Motorrad. Das nächste Treffen steht schon an. Nicht irgendein Treffen, erklärt Mazed unterwegs. Die Kommunalgruppen haben nämlich ebenfalls Vertreterinnen gewählt, die sich wiederum zu einem Gremium zusammengeschlossen haben. Es wird als Föderation bezeichnet und bildet den Dachverband aller Frauengruppen.

Wir durchqueren einige der typisch ländlichen Dörfer und halten dann irgendwann vor einem kleinen Haus. Die Frauen haben uns schon kommen hören und überreichen uns zur Begrüßung zwei Blumensträuße. Innen gibt es keine Stühle oder Tische, wir setzen uns einfach zu den Frauen auf den mit Planen ausgelegten Lehmboden. Die Hitze staut sich unter dem Wellblechdach. Zum Glück lässt sie niemanden im Raum kalt und so werden schnell alle bedürftigen Personen mit Fächern versorgt. Ich bitte die Frauen mir zu erklären, was es denn eigentlich mit dieser Föderation auf sich hat. Die Vorsitzende erklärt mir, dass dieser Dachverband sehr wichtig für die Frauen ist, um irgendwann komplett unabhängig von Hilfe von außen sein zu können. Sie steuern inzwischen schon viele der Tätigkeiten, die von den Gruppen durchgeführt werden, stimmen darüber ab, wer neu aufgenommen werden sollte und organisieren Treffen mit Gruppen aus anderen Regionen. Auch verfügen sie über mehrere Einkommensquellen und können die Frauen so finanziell unterstützen. Sogar ein paar Angestellte, zum Beispiel für die Buchhaltung, können sie dadurch schon beschäftigen. Ihr Ziel sei es, so die Vorsitzende, irgendwann auch finanziell völlig unabhängig agieren zu können und so stark zu sein, dass sie anderen extrem armen Frauen dabei helfen können, sich aus ihrer misslichen Lage selbst zu befreien. So wie einst ihnen geholfen wurde.

Ihr ganzer Stolz ist aber das mehrstöckige Hauptgebäude, das sich gerade im Bau befindet. Wenn es fertig gestellt ist, soll es den Frauen als Bürogebäude dienen, Räume für Trainings und Meetings haben und als Lager für die Erzeugnisse der Gruppen dienen. Viel wichtiger wird aber der ideelle Wert des Gebäudes sein: so solide und imposant das Bauwerk sein wird, so solide und unverrückbar ist es, dass sich die Frauen dauerhaft der Armut entledigt haben.

Später erklärt Mazed mir, dass diese Frauengruppe hoffentlich schon bald ein strahlendes Exempel für Bangladesch sein wird. Derzeit läuft der Antrag, dass die Föderation als eigenständige Organisation anerkannt wird. Es wäre die erste Organisation, die sich aus extrem armen Frauen zusammengeschlossen hat. In Zukunft soll Jagorani Chakra Foundation dann nur noch beratend tätig sein, wenn Hilfe benötigt wird.

Ich bin überwältigt von dem was ich am heutigen Tag gesehen habe. Bisher hatte ich nur Projekte kennen gelernt, die noch in den Kinderschuhen stecken. Die Frauen wirkten oft hoffnungslos und verzweifelt (wie im Blogeintrag „Gefesselt an die Gegenwart). Es ist kaum zu glauben, wie viel sich in acht Jahren ändern kann. Nicht nur was die ökonomische Situation der Frauen angeht. Besonders das selbstbewusste Auftreten, das Leben, das in ihren Worten steckt, der optimistische und motivierte Blick in die Zukunft haben mich zutiefst beeindruckt.

Mittwoch, 17. November 2010

Gefesselt an die Gegenwart

Es ist Mitte Oktober. Eigentlich ist der Sommer auch in Bangladesch vorbei, trotzdem ist es noch drückend heiß. Der Himmel erstrahlt in hellem blau und es ist keine Wolke weit und breit zu sehen, die sich Anschickt, die Sonne davon abzuhalten ihre geballte Kraft zu demonstrieren. Gefühlt sind es weit über 40 Grad.

Wir befinden uns in einem kleinen Dorf in Balapara, in einer sehr ländlichen Gegend im Norden von Bangladesch. In näherer Umgebung gibt es weder größere Städte, geschweige denn Krankenhäuser. Zwei Mitarbeiter der Jagorani Chakra Foundation und ich sitzen gerade beim Treffen einer Gruppe Frauen, die Teil des Projekts „Ein Leben lang genug Reis“ von NETZ sind. Die 15 Frauen sitzen auf dem Lehmboden, auf ausgelegten alten Betonsäcken. Unsere Anwesenheit scheint die Frauen einzuschüchtern, denn keine von ihnen traut sich etwas zu erzählen. Erst als wir anfangen Fragen über ihre Lebenssituation zu stellen, kommen vereinzelte zögerliche Antworten.

Sie berichten, dass gerade eine sehr schwere Zeit für sie angebrochen ist. Zwischen September und November gibt es jedes Jahr kaum Arbeit auf den umliegenden Feldern, weil die Erntezeit gerade beendet ist. Keine von ihnen hat in den letzten Tagen mehr als zwei Mahlzeiten zu sich genommen. Wenn überhaupt.

Das Projekt läuft erst seit einigen Monaten in Balapara. Begonnen wurde damit, dass die ärmsten Frauen der Region ermittelt wurden. Sie haben weit unter 25 Euro-Cent am Tag für ihre Familien zur Verfügung, sind chronisch unterernährt, besitzen kein Land und viele von ihnen müssen ihren Haushalt alleine führen. Sind die Frauen ausgewählt, wird mit ihnen und ihren Familien ganz individuell ein Plan erstellt, wie sie sich selbst aus der gröbsten Armut befreien können. Das nötige Startkapital in Form von Gemüsesamen, einer Kuh, Hühnern oder auch einer Nähmaschine, je nachdem was die Frau für sich ausgewählt hat, bekommen sie im Anschluss. Zusätzlich bekommen sie Trainings die ihnen vermitteln, wie sie damit am besten Profit machen können. Erste Erfolge stellen sich in der Regel aber erst nach ein paar Monaten ein, wenn zum Beispiel das erste Gemüse geerntet und für den eigenen Bedarf verwendet werden kann.

So weit sind die Frauen in Balapara noch nicht. Zwar haben sie inzwischen ihre gewählten Aktivitäten aufgenommen, doch es dauert noch, bis sich die ersten Erfolge zeigen werden. Nach dem Treffen besuchen wir eine der Frauen in ihrem Zuhause. Ihr Name ist Rokeya Taleb, sie ist 38 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Ziemlich stolz zeigt sie uns die Kuh, die sie bekommen hat. Hinter dem Haus hört man ein paar Enten quaken, auch diese hat sich Rokeya ausgesucht. Diese möchte sie aufziehen und später auf dem Markt die Eier verkaufen.

So richtig glücklich wirkt Rokeya dennoch nicht, als sie uns ihre Tiere zeigt. Zu gering ist die Hoffnung, dass sie sich wirklich aus der schweren Lage befreien kann. Dafür ist sie viel zu sehr an ihre beschwerlichen Lebensumstände gewöhnt. Als wir sie fragen, ob sich durch das Projekt schon etwas für sie verändert hat, kann sie ihre sich nicht länger zusammenreißen. Plötzlich bricht sie in Tränen aus und berichtet schluchzend: „Es ist alles so schwer! Ich habe seit Tagen nicht mehr gegessen, muss mich um die Tiere kümmern, kann meinen Kindern kaum Zukunft bieten und mein Mann ist die meiste Zeit in Dhaka, verdient aber längst nicht genug!“

Ich bin perplex. Ratlos stehe ich Rokeya gegenüber. Alles was mir gerade in den Kopf kommt scheint mir banal und inhaltslos zu sein. Was weiß ich schon von ihrem Leben? Ist es nicht reine Heuchelei, wenn ich ihr gut zurede und verspreche, dass sich bestimmt bald etwas ändern wird? Wenn sie nur hart genug arbeitet und weiter an dem Projekt teilnimmt? Ich bringe kein Wort heraus. Vielleicht war das die beste Entscheidung. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht!

Irgendwann überwinden wir dann aber doch die Stille und reden noch ein bisschen über Rokeyas Familie. Sie ist verheiratet. Ihr Mann arbeitet als Tagelöhner in Dhaka. Meist ist er den ganzen Monat weg. Ob er Geld mit nach Hause bringt, hängt davon ab, ob er Glück hatte und Arbeit gefunden hat. Letzten Monat brachte er 1.000 Taka mit, das sind etwa zehn Euro. Zehn Euro für einen ganzen Monat. Davon müssen auch die Tochter und die beiden Söhne der Familie versorgt werden. Derzeit geht nur die Tochter von Rokeya zur Schule. Sie besucht die 8. Klasse und hat dafür ein Stipendium von einer anderen Organisation versprochen bekommen. Das Geld dafür wurde der Familie allerdings noch nicht bezahlt.

Mir ist die Situation sehr unangenehm, da ich die Frau nicht noch weiter in die Enge treiben möchte. Trotzdem frage ich sie, was sie sich für die Zukunft wünscht. Diese Frage scheint sie tatsächlich weiter zu verunsichern. Aber anders als ich es erwartet habe. Für einen Moment weicht der Schmerz aus ihrem Gesicht und sie denkt nach. Dann fängt sie an zu reden: „Alles was ich mir wünsche ist, dass ich meinen Kindern ein besseres Leben als meines bieten kann. Es ist so wichtig Bildung zu haben. Ich kann weder lesen noch schreiben – meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich!“ An sich selber, ihr eigenes Wohl, ihre eigene Zukunft denkt Rokeya nicht, das ist ihr fremd. Zu sehr ist sie daran gewohnt, dass ihre Gedanken vom Hunger sie an das Hier und Jetzt fesseln.



Samstag, 9. Oktober 2010

Farblose, bunte Hunde und eine Staude Bananen

Die Uhr auf meinem Laptop zeigt 11:49 Uhr. Es klopft an meiner Zimmertür. Nachdem ich die vergangenen zwei Tage in Chuadanga, einem Distrikt im Süden Bangladeschs, ein Projekt besucht habe, wurde mir heute ein Tag Pause verschrieben. Eigentlich wollte ich in das nahe gelegene Büro gehen, um dort zu arbeiten. Doch der für mich zuständige Mitarbeiter bei meiner Partnerorganisation Jagorani Chakra Foundation (JCF) sagte mir, dass ich lieber erstmal ausschlafen solle. Dann könne ich ja immer noch ins Büro kommen und meinen Schreibkram erledigen, wenn ich das nicht in meinem Gästezimmer machen möchte.

Die Aussicht aus meinem Hotelzimmer in Chuadanga.

Seit 8 Uhr bin ich also wach und ganz gemütlich aufgestanden, bis es um 9 Uhr zum ersten Mal an meiner Tür klopft! Ah, das Frühstück! In dem Gebäude direkt nebenan ist ein Restaurant, das von Frauen aus einem der JCF-Projekte betrieben wird. Eigentlich könnte ich ja auch schnell runter gehen und dort meine morgendlichen Rutis mit scharfem Gemüse und Dal zum Frühstück verdrücken. Aber so läuft das hier nicht! Mir wird das Frühstück von einem der Hauswächter direkt ins Zimmer gebracht. Ob das eigentlich seine Aufgabe ist? Keine Ahnung, jedenfalls wurde er von JCF beauftragt das zu tun und er scheint sich sehr darüber zu freuen mir Dinge bringen zu dürfen. Als ich ihn mit dem üblichen „Assalamu oalaikum“ begrüße, lächelt er mich freundlich an und erwidert den Gruß.

Im Hintergrund erkennt man das Head Office von JCF in Jessore. Leider noch als Baustelle.


Ausländer in Bangladesch zu sein ist etwas sehr gewöhnungsbedürftiges. Man fällt überall auf, wird zuvorkommend und überaus freundlich behandelt. Das sind beides Dinge, die ich so aus Deutschland gar nicht kenne. Freundliche Menschen zu finden ist an manchen Tagen wirklich Glückssache und auffallen würde man in der anonymen Masse einer deutschen Großstadt nicht einmal als bunter Hund. Hier reicht es gar keine richtige Farbe zu haben.

Warum das so ist? Darauf eine Antwort zu finden ist eigentlich recht einfach. Das fast komplett von Indien umgebene Land ist wirtschaftlich nicht besonders interessant für die Global Players, sieht man mal von der Textilindustrie und der Teeproduktion ab, deren Exportmarkt sich bisher fast ausschließlich durch Staaten in der näheren Umgebung erschließt. Viele Ausländer werden von der Wirtschaft also nicht ins Land gelockt. Auch Tourismus spielt in Bangladesch so gut wie gar keine Rolle. Zwar gibt es durchaus sehenswerte Seiten, die Sandstrände von Cox's Bazar oder die Mangrovenwälder der Sundarbans, in denen der bengalische Tiger beheimatet ist, zum Beispiel. Allerdings dienen sie eher der einheimischen Bevölkerung als Urlaubsziele. Abgesehen von einigen Staatsbediensteten und vereinzelten Vertretern der Wirtschaft, trifft man in Bangladesch also auf auffallend wenige Ausländer. Die meisten von ihnen sind wahrscheinlich dem NGO-Sektor oder allgemein der Entwicklungszusammenarbeit zuzuordnen.

Klopf, Klopf, Klopf: Der Wächter hat gemerkt, dass ich mit meinem Frühstück fertig bin und steht mit einem Kaffee vor der Tür. „Vielen Dank, das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, würde ich sagen, wenn mein Bengalisch dafür schon ausreichen würde.

Nicht nur einem selber fällt es auf, dass es kaum Ausländer in Bangladesch gibt, man selber fällt als Ausländer auf! Das erste dies bestätigende Erlebnis hatte ich direkt nach der Ankunft in Dhaka und inzwischen hat sich dieser Eindruck mehr als gefestigt. Der Weg von meinem Gästezimmer in Jessore zum Bürogebäude beträgt etwa 300 Meter, die ich morgens zu Fuß an einer dicht befahrenen Straße zurücklegen muss. Als ich die Strecke das erste Mal zurücklege fällt es mir erst gar nicht auf. Nach den ersten 100 Meter bemerke ich dann aber irgendwann, dass sich aus jeder mich überholenden Rikscha mindestens ein Kopf nach hinten verrenkt, um noch einen Blick auf mich werfen zu können. Den restlichen Weg achte ich ganz genau darauf und stelle fest, dass die Beobachtung wirklich auf 9 von 10 Rikschas zutrifft. In Deutschland wäre das ein Grund noch einmal genau zu prüfen, ob ich mir heute Morgen auch wirklich eine Hose angezogen habe oder mir ein Bonbon im Gesicht klebt.

Klopf, Klopf, Klopf: Der zuvorkommende Wächter steht mit einer Flasche Wasser vor der Tür. Vielen Dank!

Der Buriganga River in Dhaka


Im Alltag äußert sich dieses „anders sein“ dann oft in nach deutschen Maßstäben absurden Situationen. Nicht nur, dass man auf der Straße permanent von zig Menschen begutachtet wird, auch an die Rufe aus vorbeifahrenden Rikschas oder das häufige Angesprochen werden auf der Straße muss man sich gewöhnen. Eine Alltagssituation: Ich stehe am Straßenrand und warte darauf, dass eine Rikscha vorbeikommt. Ein Mann auf der anderen Straßenseite sieht mich. Sein Blick verrät Unentschlossenheit, ein bisschen Schüchternheit, aber auch brennende Neugier. Also gibt er sich einen Ruck und kommt herüber.
Mann: „Hello, how are you?“
Kai: „I'm fine, thank you.“
Mann: „Where is your country?“
Kai: „Germany!“
Scheinbar waren das alle Informationen die er wollte, denn sichtlich zufrieden geht er einfach weg.

Nach der obligatorischen Frage nach meiner Herkunft kann sich dieser Dialog dann aber auch noch um diese beiden Variationen erweitern.

Variante 1:
Mann: „Ooooh, Japany! Nice country!“
Kai: „No I'm from Germany not from Japan!“
Mann: „Yes, yes, Japany!“
Kai (gleichzeitig seufzend und leicht grinsend): „...Ähm!? Okay, thank you.“

Variante 2:
Mann: „Aaah, Germany, nice country. Hitler great leader!“
Kai: „...Öhhh!?“ Und sagt dann resignierend einfach gar nichts, weil er inzwischen weiß, dass solche Diskussionen auf der Straße leider völlig zwecklos sind.

Variante drei gefällt mir dann doch am Besten, die habe ich allerdings erst zwei Mal erleben dürfen. Das erste Mal war während eines Tagesausflugs nach Old Dhaka. Wir, drei andere Freiwillige und ich, schlendern gerade über den Shankharia Bazar, eine schmale Straße, die auch als Hindustraße bekannt ist und durch Architektur und viele kleine Läden wirklich sehenswert ist. Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Geschäft geweckt, in dem sehr einfache selbst gebastelte Flugdrachen verkauft werden. Nachdem wir uns entschlossen haben für jeden einen mitzunehmen, kommt auch von dem Verkäufer die obligatorische Frage nach unserer Herkunft. Seine Reaktion auf unsere ebenso obligatorische Antwort ruft bei mir allerdings ein spontanes Lächeln hervor, das ich noch einige Zeit behalten werde: „Aaaaah, Michael Ballack! Germany good football team!“.

Der Shankaria Bazar in Old Dhaka. Rätsel des Tages: Wer findet den Grund, warum ich gerade dieses Motiv gewählt habe?


Kopf, Klopf, Klopf... Klopf, Klopf, Klopf... Klopf, Klopf, Klopf: Na sowas, der nette Wächter steht ja schon wieder vor der Tür. Diesmal bringt mir vier Packungen Kekse und eine halbe Staude Bananen. Ich hab doch gestern erst eine halbe Staude bekommen, wer soll denn das alles essen?

Ein wenig absurd fühlte es sich dann allerdings schon an, als ich einem meiner Mitarbeiter, Malek, bei JCF vorgestellt werde und er mich darauf aufmerksam macht, dass ich aussehe wie Michael Ballack. Naja, immerhin ist seine erste Assoziation mit Deutschland nicht die vorher erwähnte berühmte Persönlichkeit unseres Landes. Das hätte mich dann doch in arge Bedrängnis gebracht. Mit ihm erlebe ich dann auch die bisher unangenehmste Situation, in der mir besonders deutlich wird, dass ich hier scheinbar einen besonderen Status habe.

Wir sind gerade in einer Projektregion und begleiten eine Gruppe Frauen dabei, wie sie ein Training zum Bestellen ihrer Felder bekommen. Im Anschluss soll nun noch eine Theoriestunde folgen, für die wir uns allesamt vom Feld aus in ein nahes Gemeindegebäude aufmachen. Als fast alle eingetrudelt sind, fragt mich Malek nebenbei, ob ich denn schon hungrig sei, immerhin sei es doch fast Mittagszeit. „Naja, ein bisschen hungrig bin ich schon, aber das ist okay“, sage ich, wohlwissend, dass nach diesem Training unser Besuch beendet sein wird und wir zurück ins Büro fahren werden, wo das Mittagessen bereits wartet. Leider muss ich feststellen, dass richtige Antwort „nein“ gewesen wäre. Malek spring auf, schnellt zu seinem Motorrad, winkt mich zu sich und bevor ich überhaupt schalten kann, sind wir an der nächsten Teebude und mir werden Kekse und Bananen gereicht. Nach 20 Minuten fahren wir dann endlich wieder zurück. Das Training hat noch nicht ohne uns begonnen. Als ich dann auch noch merke, was es für eine besondere Situation es für die Frauen ist, dass ein Ausländer zu Gast ist, ist mir die ganze Situation und der Fakt, dass nur auf mich gewartet wurde, unendlich peinlich.

Besuch bei einer Frauengruppe in Darshana


Klopf, Klopf, Klopf: Und wieder ist es der Wächter, diesmal mit einer weiteren Tasse Kaffee. Die kann ich gerade gut gebrauchen. Ich bedanke mich mit dem hier üblichen Kopfnicken und mache mich an mein Fazit.

In den vergangenen zwei Stunden und 49 Minuten klopft es geschlagene vier Mal und mir wurden neben dem Frühstück eine Flasche Wasser, zwei Tassen Kaffee, vier Packungen Kekse und eine halbe Staude Bananen gebracht. Gefragt habe ich nach nichts davon, aber inzwischen bin ich das fast schon gewohnt. Proteste oder Einwände gegen diese Fürsorge werden sowieso nicht akzeptiert, also muss ich mich wohl damit abfinden, dass andere Leute besser wissen, was ich brauche und was nicht. Da diese Sonderbehandlung aber ja nett, fürsorglich und Teil der scheinbar keine Grenzen kennenden Gastfreundlichkeit ist, kann ich mich mit dieser immer noch etwas befremdlichen Situation allerdings ganz gut arrangieren. Die übermäßige Aufmerksamkeit, die ich im Alltag errege ist dagegen manchmal ziemlich anstrengend, aber in solchen Situationen hilft es mir zu verdeutlichen, dass ich für die Bangladeschis nun einmal ein ziemlich bunter Hund bin und sie darum an mir interessiert sind. Genau so bin ich ja auch an ihnen und ihrem Land interessiert.


Da ich Wünschen ja nachkommen wollte und dieser öfter geäußert wurde, kommen hier noch ein paar Bilder meiner Mitbewohner!

Dienstag, 7. September 2010

Ankunft in Dhaka


Dienstag der 24. August 2010, circa 8 Uhr 30 Ortszeit, Landeanflug auf Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesch. Mein erster Gedanke noch im Flugzeug: 'Wahnsinn, ich lande tatsächlich in einer völlig anderen Welt!' Schon vom Flieger aus sieht man überschwemmte Flächen und Reisfelder, saftig grüne Felder, Palmen und in weiter Entfernung heruntergekommene Fassaden von Hochhäusern, die sich leicht der angesteuerten Mega-Metropole zuordnen lassen.

Nach der Landung werden wir sieben Freiwillige von NETZ Bangladesch, unserer Entsendeorganisation, sehr freundlich von Sharmin, unserer Ansprechparterin bei NETZ und Feli, einer Freiwilligen, die schon länger im Land ist, in Empfang genommen. Mit einem Bus sollen wir vom Flughafen nach Dhanmondi, einem der schickeren Stadtteile von Dhaka, gebracht werden. Dort werden wir unseren ersten Monat in Bangladesch alle zusammen untergebracht sein, Dhaka kennen lernen, einen Sprachkurs besuchen und gemeinsam gegen den Kulturschock kämpfen.


Der erste Schritt aus dem Flughafen heraus hat es aber gleich in sich: bestimmt 35° im Schatten und eine gefühlte Luftfeuchtigkeit von 90 %! Der erste Schlag ins Gesicht sitzt - K.O. geht zum Glück noch keiner! Gleichzeitig fällt der Blick auf einen Zaun, der den Eingangsbereich des Flughafens von der Außenwelt abschirmt. Dahinter warten hunderte Menschen in der prallen Sonne auf Angehörige, auf Kundschaft oder auch auf milde Gaben von den ankommenden Reisenden. Ein skurriler Anblick.


Schnell die Koffer in den wartenden Bus mit Klimaanlage verstaut und los geht’s. „Feli, wie weit ist es denn eigentlich vom Flughafen zur Wohnung?“ Feli: „Och, nicht so weit. Wenn der Verkehr mitspielt sind's so 20 Minuten.“ Er spielt nicht mit und so sind wir geschlagene 2 Stunden unterwegs! Ein Umstand an den man sich in Dhaka wohl gewöhnen muss. Verbeulte Busse, Autos und Rikschas scheinen sich in völligem Chaos und unter pausenlosem Gehupe ihre Wege zu bahnen, sodass man erstaunt ist, überhaupt und auch noch unversehrt an seinem Ziel anzukommen. Wenn auch Stunden später als geplant.


Der Stau bringt allerdings gleich die ersten bedrückenden Erlebnisse mit sich: Während wir uns langsam unseren Weg bahnen, klopfen unentwegt Bettler, oft Alte oder Behinderte und Mütter mit Kleinkindern an die Scheiben und flehen nach etwas zu Essen oder Geld. Ein Gefühl von Unbehagen macht sich spürbar in der gesamten Gruppe breit. Sharmin, Feli und unser Fahrer reagieren dagegen deutlich souveräner. Immerhin sind sie diese Situation gewohnt, denn das Betteln ist für tausende Menschen in Dhaka die einzige Chance an ihre tägliche Schüssel Reis zu kommen. Sie geben uns Ratschläge, wie man in solchen Situationen reagieren kann und sollte. Natürlich kann man nicht jedem Bettler etwas geben, aber es ist schon sehr bezeichnend und macht mich fast ein wenig traurig, dass meine ersten Worte auf Bangla „maph koren“ sind, was soviel wie „Es tut mir leid, ich kann dir nichts geben“ bedeutet.


Mir wird auf einmal sehr bewusst, wie schwer es werden wird, all der Armut und den schweren Schicksalen, mit denen die Menschen Tag für Tag konfrontiert sind, zu begegnen und sich gleichzeitig damit zu arrangieren, selber Privilegien zu genießen, die für diese Menschen schier unvorstellbar sind. ...denke ich mir und falle vor Erschöpfung nach der anstrengenden Reise fast in den Schlaf, was nur durch die langsam unangenehm werdende Kälte der Klimaanlage verhindert wird.


Bevor wir nach der anstrengenden Reise endlich in unserem neuen Zuhause ankommen, hat die Fahrt noch eine weitere Lehre parat. Völlig benebelt von der langen Reise und der neuen Umgebung sitze ich links auf dem Beifahrersitz unseres Shuttles und schaue verträumt in vorbeifahrende Autos. Mein Blick fällt auf die Rückbank eines Wagens, auf dem sich 5 Kinder tummeln. Auf einmal erblickt mich eines von ihnen, ein vielleicht 6-jähriges Mädchen, und ist total aufgeregt. Mit weit aufgerissenen Augen ruft sie den anderen etwas zu und zeigt mit dem Finger auf unser Auto. Es dauert keine zwei Sekunden, da kleben vier weitere Kinderaugenpaare an der Scheibe und schauen aufgeregt in den Bus gegenüber, der scheinbar mit Aliens gefüllt ist und einem Ufo gleicht. Ausländer sind in Bangladesch unglaublich selten, wodurch sich für uns teilweise absurde Situationen ergeben. Davon werde ich aber erst in meinem nächsten Blogeintrag mehr berichten...


Hier noch einige erste Bilder, in Zukunft werde ich mehr Wert auf zum Text passende Motive legen.


Gewusel auf dem New Market in Dhaka


Na, wer findet den Grund, warum ich dieses Bild hochgeladen habe?


Impressionen während einer Autofahrt


Auch Rikschawlas brauchen mal eine Pause

Ja, das ist tatsächlich der Ausblick vom Dach unseres Hauses. Und das ist noch der unspektakulärste Blickwinkel. Alle anderen Bilder waren mir einfach zu unangenehm.

Liebe Freunde

ich habe mir vorgenommen während meiner Zeit in Bangladesch einen Blog zu führen, in dem ich sowohl berichte was ich eigentlich so treibe als auch kleine Essays über Alltag, interessante Erlebnisse oder anderes zu schreiben. So bekommt ihr einerseits mit was ich mache, wo ich gerade bin und andererseits kann ich so am ehesten das entstehende Bild über Land und Leute mit euch teilen.

Ihr könnt mir gerne Fragen, Kommentare und Kritik schicken, da ich diesen Blog als Verbindung nach Deutschland sehen möchte und es mich selbstverständlich auch interessiert, was in der fernen Heimat so passiert – außerdem mindert das die Gefahr, dass ich zu schreibfaul werde...