Sonntag, 6. November 2011

Arm gegen Armut!

NGOs sind in Bangladesch mit ihren Projekten gegen Armut so präsent, wie Aale Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt. In fast jedem noch so abgelegenen Dorf im ländlichen Bangladesch sieht man Schilder mit Kürzeln, die das Arbeitsgebiet einer Nichtregierungsorganisationen markieren. Und das, obwohl die Regierung Bangladeschs vor einigen Jahren vielen Organisationen die Lizenz entzogen hat. Zu den Gründen zählte unter anderem, dass im Namen der Armutsbekämpfung Gelder entwendet wurden, Korruption vorherrscht und Vetternwirtschaft betrieben wird. Dass der Ankläger mit dieser Prämisse auch im eigenen Hause kehren könnte, ist ein anderes Thema.

Neben diesen offensichtlichen Missständen in der bangladeschischen NGO-Landschaft, finden sich in vielen NGOs kleinere und größere Widersprüche. Widersprüche zwischen den Idealen und dem Alltag am Arbeitsplatz. Ein Beispiel: Viele NGOs setzen sich für die Rechte und die Gleichstellung der Frau in der bengalischen Gesellschaft ein. Trotzdem spiegelt die Geschlechterverteilung der Belegschaft dieser NGOs das nicht zwingend wider. Das zeugt nicht von Scheinheiligkeit, sondern schlichtweg davon, dass die Gesellschaft diesem Ideal noch nicht gerecht werden kann. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es nicht genügend gut ausgebildete Frauen, um angemessen viele Vakanzen besetzen zu können. Einige können den Anforderungen zwar gerecht werden, müssen sich in der Familie aber der patriarchalischen Rollenverteilung beugen.

Ein Beispiel soll diesen Widerspruch verdeutlichen. Dulal ist bei Jagorani Chakra Foundation (JCF) als Büroassistent in Rangpur angestellt. Dieser Beruf ist etwas ganz normales in Bangladesch: Büroassistenten sind dafür zuständig dafür zu sorgen, dass Papier im Drucker ist, Stühle und Tische für Meetings zu arrangieren, den Mitarbeitern Tee und Wasser an den Schreibtisch zu bringen, Botengänge zu erledigen oder auf den Markt zu gehen, um Lebensmittel einzukaufen. In der Hierarchie der Organisation ist er eines der untersten Glieder, wodurch der Umgangston mit ihm schon mal etwas rau sein kann. Das bedeutet nicht, dass Dulals Arbeit keine Wertschätzung erhält oder er ausschließlich seine Vorgesetzten bedienen muss. „Wasser!“, muss dann aber trotzdem für ihn Information genug sein, um dem durstigen Schreihals seinen Wunsch zu erfüllen. Oft gehört und zur Weißglut gebracht hat mich im letzten Jahr auch folgender Satz: „Dulal, mach mal den Ventilator an!“ Während der Mitarbeiter selber nur einen Meter neben dem Schalter sitzt.

Dulal arbeitet seit knapp einem halben Jahr in unserem Büro. Vorher war er auch schon bei JCF angestellt, allerdings arbeitete er damals noch im knapp 15 Kilometer entfernten Projektbüro in Gangachara. Als er hier anfing zu arbeiten, fragte ich ihn, warum er auf einmal in das Hauptbüro gewechselt ist, ob es für ihn ein Aufstieg sei. Darauf antwortete er: „Nein, nein. Ich weiß nicht, warum ich hierher wechseln musste. Das war eine Entscheidung der Chefs. Für mich ist es sehr unpraktisch, weil meine Familie in Gangachara wohnt und wir uns keinen Umzug leisten können. Jetzt bin ich täglich zwei Stunden mit dem Fahrrad unterwegs, um zum Büro und zurück zu fahren.“ Wer das alte Fahrrad sieht, mit dem er diese Strecke bewältigen muss, könnte meinen, dass Dulals Urgroßvater damit bereits vor 100 Jahren durch die Reisfelder gestrampelt ist. Bei weit über 35° Celsius in der prallen Sonne oder überfluteten, unbefestigten Straßen während der Regenzeit kann man sich ohnehin schönere Beschäftigungen vorstellen.

Zwar hat Dulal einen festen Job und ein geregeltes Einkommen von 4.500 Taka, umgerechnet sind das zirka 45 Euro, doch das reicht gerade so, um für Frau, Tochter und die Eltern zu sorgen. „Vorher habe ich noch mehr verdient, mit dem Wechsel ins Hauptbüro ist mein Gehalt weniger geworden“, sagt er. „Viel leisten konnten wir uns sowieso nie, aber jetzt wird es doch ganz schön eng. Wir müssen uns stark einschränken, bei dem was wir für Essen, Medikamente oder Kleidung ausgeben“, berichtet Dulal weiter.

Seine Familie und er leben im Schwemmlandgebiet in Gangachara. Früher waren sie nicht ganz so arm, allerdings wurde vor einigen Jahren ihr ganzer Besitz von einer Flut mitgerissen. Seitdem kommen sie nicht mehr auf die Beine. „Ich habe ja sogar hier in Rangpur studiert“, erzählt Dulal. „Nach dem Bachelor habe ich für BRAC [die größte NGO Bangladeschs] gearbeitet. Als dort das Projekt beendet war, habe ich kurz bei einer anderen NGO gearbeitet. Danach habe ich keinen neuen Job mehr in meinem eigentlichen Bereich gefunden und musste erst einmal als Lehrer arbeiten. Das Gehalt war sehr schlecht. Irgendwann blieb es für Monate ganz aus, darum musste ich den Job hinschmeißen.“

Kurz darauf fing er bei JCF an. „Beworben habe ich mich für eine bessere Position, aber die Jobs waren schon vergeben“, berichtet er. „Da blieb mir nichts anderes übrig, als den Job als Büroassistent anzunehmen. Der Arbeitsmarkt hier in der Region gibt ja nichts anderes für mich her.“ Insgeheim hofft er darauf, dass er irgendwann in der Organisation aufsteigen kann. Die Chancen dafür sind allerdings sehr gering.

So wie Dulal geht es vielen Menschen in Bangladesch. Tausende suchen darum Jahr für Jahr ihr Glück in Dhaka oder einer der anderen großen Städte des Landes. Dort pulsiert das Leben, dort sind vermeintlich gute Jobs zu finden. Die Wirtschaft des Landes wächst unaufhaltsam und bringt Profit, Arbeitsplätze und Wohlstand. Doch längst nicht für jeden. Im Gegenteil. Millionen Menschen fristen ein Dasein in Armut in den Slums von Dhaka. Das weiß auch Dulal, darum bleibt er lieber bei seiner Familie in Gangachara und nimmt die täglichen zwei Stunden fahrt auf sich, um für sich und seine Familie wenigstens für das Nötigste sorgen zu können. Wenn man es genau betrachtet: Eine Wahl hat er eigentlich nicht.

Die verantwortlichen Mechanismen, die Dulals Hoffnung auf eine Besserung seiner Lage wie die Zahnräder eines unerbittlich fortschreitendes Uhrwerk zermahlen haben, sind abstrakt und gesichtslos. JCF, wie auch den tausenden anderen NGOs in Bangladesch, sind die Hände gebunden. Der Wettkampf um Fördergelder für Projekte ist ähnlich hart, wie Dulals Kampf auf dem Arbeitsmarkt in Rangpur. Wäre JCF nicht bereit, Kompromisse mit den eigenen Idealen einzugehen, dann würde man leer ausgehen und die Fördermittel gingen an die Organisation, die ein ähnliches Projekt mit niedrigeren Gehältern durchführen kann. Auch wenn die Konsequenz daraus in manchem Fall ein Kampf in Armut gegen Armut bedeutet!

Freitag, 8. Juli 2011

Der Mittelpunkt der Abgeschiedenheit

Zum zweiten Mal bin ich unterwegs nach Shadratali, einem Dorf im Char-Gebiet Tepa Modhupur (Char wird Tschor gesprochen und bedeutet Schwemmlandinsel). Das erste Mal war ich dort im Herbst letzten Jahres. Die Strecke von unserem Büro aus habe ich nicht als sonderlich weit und beschwerlich in Erinnerung. Seit knapp einer Stunde - hinter meinem Arbeitskollegen Zillur auf dem Motorrad sitzend - ist mir klar: Das lag daran, dass es trocken war. Heute regnet es. Wie zur Zeit jeden Tag. Es ist Regenzeit in Bangladesch, die Straßen sind nur noch schwer befahrbar und je näher wir dem Dorf kommen, desto weniger Straße ist überhaupt noch vorhanden. Auf den letzten Kilometern gleicht unsere Fahrt eher einer Schlitterpartie durch aufgeweichten Lehmboden und knöcheltiefes Wasser.

Ankunft in Shadratali

Für viele Menschen ist die Regenzeit eine willkommene Abkühlung nach den heißesten Tagen des Jahres, an denen das Thermometer weit über 35° im Schatten steigt. Für andere Menschen ist es die härteste Zeit. Zum Beispiel für die 40-jährige Goleza Begum. Sie hat ihr halbes Leben in Shadratali verbracht. Wir treffen sie während einer wöchentlichen Sitzung einer Frauenselbsthilfegruppe, in der sie seit über einem Jahr Mitglied ist (In den Blog-Einträgen „Gefesselt an die Gegenwart“ und „Ein strahlendes Exempel“ könnt ihr mehr über die Gruppen und das Projekt lesen). Während der Sitzung erzählen sie und die anderen Dorfbewohner, wie sie darunter zu leiden haben, dass sie an einem Ausläufer des großen Tista-Flusses leben. „In dieser Gegend gibt es viel zu wenig Arbeit. Mein Mann kann maximal 6 Monate im Jahr auf den Feldern als Tagelöhner arbeiten und ich nur 3 Monate. Für die Familie haben wir damit an guten Tagen einen Euro, manchmal 1,50 Euro zum leben. Für drei Mahlzeiten reicht es nie.“, berichtet Goleza.

Goleza Begum und eine weitere Projektteilnehmerin während des wöchentlichen Meetings

Schwemmlandinseln und das Ufergebiet der großen Flüsse sind die wahrscheinlich strukturschwächsten Regionen Bangladeschs. Hunderte von diesen Inseln in verschiedensten Größen befinden sich im Jamuna, im Ganges, im Brahmaputra oder dem Tista-Fluss, der zur Arbeitsregion von Jagorani Chakra Foundation gehört. Die Inseln sind oft noch deutlich schwerer zu erreichen als das am Ufer gelegene Shadratali. Eigentlich wollte ich eine der Inseln besuchen, aber das ist während der Regenzeit sehr schwierig. Die meisten Inseln werden nur zwei Mal täglich von einem Boot angesteuert, einige sogar nur ein paar Mal in der Woche.

Typisches Bild in den Flussregionen: Die Straße ist im Fluss verschwunden, alternativ muss kurzerhand ein Floß den Verkehr regeln

Brücken vom Festland auf die Inseln gibt es nur selten. Zum einen liegt das an mangelnden Finanzmitteln, am ökonomischen Nutzen, aber auch daran, dass die Brücken nicht sehr beständig sind. Die Inseln wandern nämlich. Die Strömung der Flüsse trägt stetig Teile der Inseln ab, die dann an anderer Stelle wieder angeschwemmt werden. So kommt es vor, dass innerhalb von einigen Jahren ganze Inseln verschwinden und neue entstehen. Zum Leidwesen der Inselbewohner, die sich auf diese Gegebenheiten dadurch einstellen müssen, dass sie in regelmäßigen Abständen mit all ihrem Hab und Gut von einer Insel auf die andere umziehen, sich dort neue Plätze zum Siedeln suchen und sich in neuen Gemeinschaften zusammenfinden müssen.

Anlegestelle auf einer Schwemmlandinsel

Aber zurück ans Flussufer nach Shadratali, zurück zu Goleza Begum. Das Meeting wurde auf Grund des starken Regens frühzeitig beendet und Goleza bietet uns an, dass wir mit zu ihr Haus nach Hause kommen können. Unterwegs dorthin berichtet sie, dass sie verheiratet ist und vier Kinder hat. Drei Töchter und einen Sohn. Mit Stolz sagt sie, dass sie ihre Töchter erfolgreich unter die Haube gebracht hat und sie darum nicht mehr zu Hause wohnen. Ihren Sohn treffen wir aber vor dem Haus an, während er gerade die im Rahmen des Projektes gekaufte Ziege füttert. Eigentlich besucht er derzeit die neunte Klasse, doch Goleza sagt: „Hin und wieder kann mein Sohn nicht zur Schule gehen, weil er arbeiten oder zu Hause helfen muss. Das Geld reicht sonst nicht aus. Trotzdem möchte sie ihm gerne so viel Bildung, wie es die Finanzen zulassen, ermöglichen. “

Goleza und ihr Sohn kümmern sich um ihre Ziege

Letztes Jahr hat die Regenzeit Golezas Familie mit voller Wucht getroffen und ihre Zukunft stark ins Wanken gebracht. Sie erzählt von ihren Erinnerungen, und das mit einer Ruhe und Gelassenheit, die bewundernswert sind: „Es war ein normaler Regentag im letzten Jahr. Alles war so, wie es in dieser Zeit immer ist. Ich habe abends mit meinem Ehemann und meinem Sohn zusammen zu Abend gegessen und dann sind wir ins Bett gegangen. Plötzlich, mitten in der Nacht während wir schliefen, krachte es! Die Flut brach in unser Haus ein und ein Baum zerschmetterte das Dach. Die Fluten waren so stark, dass sie Teile des Hauses sofort mit sich rissen. Wir mussten fliehen, doch mein Sohn war noch in den Trümmern des Hauses eingesperrt. Zum Glück konnten ihn einige Männer aus dem Dorf befreien, aber die Situation war sehr kritisch. Fast hätte er nicht überlebt.“

Eine weitere Projektteilnehmerin und Goleza in ihrem Zuhause

Zu diesen schwierigen Lebensbedingungen und den wenigen Möglichkeiten, Einkommen zu erwirtschaften, gesellt sich noch ein weiteres Problem, mit dem die Menschen in den Char-Gebieten leben müssen: So abgeschnitten zu sein bedeutet nämlich auch, dass viele Leistungen nicht erhältlich sind. Soziale Sicherungsprogramme gibt es zwar, doch helfen sie ironischer Weise den im Fluss lebenden Menschen nur selten, obwohl diese zu den Bedürftigsten zählen. Zu aufwändig, zu teuer, zu Kapazitäten bindend wäre es für den Staat, die Flussregionen voll zu erfassen. Ärzte arbeiten so gut wie nie in der Nähe der Flüsse, Krankenhäuser und Marktplätze sind oft erst in einigen Kilometern Entfernung angesiedelt. Auch Schulen sind für viele Kinder nur dann verfügbar, wenn sie von NGOs errichtet wurden. Doch auch NGOs verirren sich nur selten auf die Inseln.

Den Vorfall im letzten Jahr hat Goleza und ihre Familie bis heute nicht ganz verdaut. „Eigentlich hätten wir ein neues Haus bauen müssen, aber dafür reicht unser Geld nicht. Wir sind erstmal einige Zeit bei unseren Nachbarn untergekommen und haben in der Zeit die Reste des Hauses repariert. Wir bräuchten dringend ein neues Dach, können es uns aber im Moment nicht leisten.“, sagt Goleza.

Hier wohnen Goleza und ihre Familie

Ich frage sie, wie sie denn sonst auf die Regenzeit reagiere, was sie tue, wenn das Wasser kommt? Die Frage scheint sie ein wenig zu amüsieren, weil sie in ihren Ohren wohl naiv klingt. Goleza antwortet: „Wenn die Flut kommt, spielt sich der Großteil des Tages im Bett ab. Das haben wir extra etwas erhöht aufgebaut, damit es sicher vor dem Wasser ist. Dort können wir dann nur warten, dass das Wasser wieder weniger wird. Etwas anderes bleibt uns ja gar nicht übrig. An Arbeit ist in der Zeit jedenfalls nicht zu denken.“

Besagtes Bett

Das Wasser verteufeln tut scheinbar trotzdem niemand: Einerseits macht es das Leben der Menschen zwar unbeschreiblich schwer, andererseits gehört es zum alltäglichen Leben dazu und sorgt zudem für die Fruchtbarkeit des Landes, der vielleicht wertvollsten Ressource Bangladeschs und vor allem derjenigen Menschen, deren Leben so eng an die Flüsse gebunden ist.

Die Gesichter der Armut

Was genau bedeutet es für Menschen in Bangladesch eigentlich arm zu sein? Wie sieht deren Lebensrealität aus? Wie geht es jemandem, der nur eine Mahlzeit am Tag zu sich nehmen kann? Wahrscheinlich ist es leichter einen Pudding an die Wand zu nageln, als diese Fragen pauschal zu beantworten.

Das Problem das sich, gerade in Bangladesch, stellt: Armut hat unzählige Gesichter! Sie kommt daher mit dem unschuldigen Gesicht eines Kindes, das auf den Straßen Dhakas betteln muss oder mit dem ausgemergelten Gesicht eines unterernährten Mannes, der seit Tagen nichts gegessen hat. Man sieht sie in dem vor Euphorie strahlenden Gesicht der auf der Schwemmlandinsel lebenden Frau, die stolz von ihrer ersten Gemüseernte erzählt, aber trotzdem noch nicht auf drei Mahlzeiten am Tag kommt, aber auch im Gesicht des NGO (Nichtregierungsorganisation) Mitarbeiters, der im ganzen Land im Kampf gegen die Armut anzutreffen ist. Das Schweiß überströmte Gesicht des Rikschafahrers, der während der Dürremonate seine Familie auf dem Land zurücklassen muss, um im Chaos des Großstadtverkehrs Geld zu verdienen. Der Lokalpolitiker, der neben seinem dünnen Gehalt Geld in die eigene Tasche fließen lässt, zeigt, welche hässlichen Züge das Gesicht der Armut annehmen kann. Das wird von den Dollarzeichen in den Augen des Textilfabrikbesitzers bestätigt, den die attraktiv geringen Löhne Bangladeschs angelockt haben, wie das Licht die Motten.

Die Liste ließe sich um hunderte Punkte ergänzen und trotzdem wäre sie nicht annähernd vollständig. Dabei lässt sich die Armut Bangladeschs doch so schön in Zahlen verdeutlichen: 32 Millionen Menschen leben in extremer Armut, 34 Prozent der Bevölkerung Bangladeschs fristen ein Leben unterhalb der Armutsgrenze, 39,5 Prozent der Kinder unter fünf Jahren waren 2007 unterernährt, das durchschnittliche pro Kopf Einkommen der Einwohner Bangladeschs liegt bei 684 US-Dollar pro Jahr, etwa 20 Prozent der Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und so weiter und so fort.

Aber was genau sagt uns der Blick auf diese Zahlen eigentlich? Über die Millionen Gesichter, die sich dahinter verbergen, sagen sie nichts. Was bedeutet es für Menschen auf dem Land arm zu sein? Was für die Menschen in den großen Städten? Und was für die Menschen auf Schwemmlandinseln? Was bedeutet es für Jung und was für Alt? Was für Frau und was für Mann? Was bedeutet es für einen Menschen mit Behinderung, in Bangladesch mittellos zu sein? Was bedeutet es für einen Muslim und was für einen Hindu? Was bedeutet es für jemanden der nie etwas gehabt hat und was für den, dessen Haus von der letzten Flut weggerissen wurde? Was bedeutet Armut im Sommer? Was bedeutet sie im Winter? Was in der Regenzeit? Was bedeutet es für Identität eines jeden Bangladeschis, dass sein Land als eines der ärmsten dieser Erde gilt? Wie sehen all diese verschiedenen Lebensrealitäten aus?

Ich wurde gefragt, ob ich nicht mal einen Blogeintrag über die Fragen schreiben könnte, mit denen dieser Eintrag eingeleitet ist. Einige Wochen habe ich damit verbracht zu versuchen einen solchen Artikel zu schreiben, aber so einfach geht das nicht. In den nächsten Blogeinträgen möchte ich darum Menschen oder Gruppen, mit denen ich zusammenarbeite, die ich in meiner Zeit in Bangladesch kennen gelernt habe oder die mir im alltäglichen Leben begegnen, mit samt ihren Lebensbedingungen vorstellen. Mir gefällt diese Annäherung an das Thema 'Armut', da man ihm so am besten ein Gesicht, nein, viele Gesichter geben kann, die sich hinter dem Wort verbergen.

Sonntag, 3. April 2011

Alles fließt – ein Reisebericht

Rangpur, 7 Uhr morgens. Ich steige auf eine Rikscha und sage dem Fahrer, dass er mich bitte zum Bus-Counter bringen soll. „Welcher Counter?“, fragt er. „Keine Ahnung“, antworte ich, „ich will nach Bogura!“ Erfahrungsgemäß reicht das als Info. So ist es auch diesmal und so geht die Reise los.

Es ist Mitte Februar. Der Terminplaner verrät, dass sich zwei Feiertage verlockend um ein Wochenende herum platziert haben. Lukas, ein Mitfreiwilliger, und ich haben uns darum spontan entschlossen das Land zu erkunden. Wohin es genau gehen soll? So richtig klar ist uns das eigentlich nicht.

Der Bahnhof in Bogura

In Bogura treffen wir uns erst einmal, dann suchen wir nach kurzem Aufenthalt einen Bus nach Mymensingh. Dort wollen wir hin, weil es in der Nähe einen sehenswerten Nationalpark geben soll. Danach? Mal schauen. Gebucht ist sowieso nichts, das wird schon.

Insgesamt verbringen wir acht Stunden mit einer strapaziösen Fahrt in einem alten, klapprigen Bus, in dem ich dank meiner Länge nicht zwischen die Sitze passe und darum die untere Hälfte meines Körpers auf dem Gang platziere. Bequem ist das nicht, aber trotzdem werden mich 2/3 der Mitreisenden um meinen Sitzplatz beneiden. Besonders diejenigen, die auf dem Dach mitfahren.

Im Bus nach Mymensingh. Danke für das Bild, Lukas!

Unterwegs berichtet Lukas, dass er in Gaibandha, dort arbeitet er, jetzt ein Fahrrad hat. Ich komme nicht umhin ihm meine Bedenken zu äußern, in diesem chaotischen, unerbittlichen und täglich für dutzende Menschen tödlichen Verkehr Bangladeschs Fahrrad zu fahren. Doch Lukas sieht das ganz gelassen: „Man muss sich nur darin üben im Fluss mit dem Verkehr zu bleiben, dann klappt das schon. Bremsen ist oft die gefährlichste Option!“

Irgendwie verhält es sich ganz ähnlich mit unserer Reise, da sind wir uns einig: Immer schön im Fluss bleiben, nur nicht bremsen, dann kommen wir schon ans Ziel. Auch wenn wir es noch gar nicht kennen!

Unterwegs löst sich auch tatsächlich das erste Übernachtungsproblem: Wir kommen in einer NGO unter, die ein paar nette Gästezimmer hat. Ausgeruht und mit frischem Kopf geht es dann am nächsten Morgen an die Planung: Wie kommen wir jetzt in den Nationalpark? Im Lonely Planet ist die Nummer einer christlichen Mission angegeben. Versuchen wir es also mal dort: „Hallo? Haben sie heute ein Zimmer frei und können uns ein bisschen durch den Park führen?“ Eine aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung antwortet: „Was? Die haben die Nummer immer noch nicht aus dem Heft genommen? Das ist total gefährlich hier! Die Leute im Wald sind alle verrückt, hier sind Menschen umgebracht worden!“ Oh nein! Und nun? Sind wir nicht extra dafür hergekommen? Nein, kann man so nicht sagen. Trotzdem wollen wir uns nicht einschüchtern lassen und fahren los. So schnell lassen wir uns sicher nicht ausbremsen.

Eine Stunde später stehen wir in Modhupur am Waldrand vor einer Hütte, die wir für das 'Forest Office' halten. Uns kommt ein Mann entgegen: „Warum seid ihr hier? Wollt ihr Affen sehen?“ Wir: „Ähm, ja klar, dafür sind wir hier (wir wussten es nur bisher nicht)!“ Er: „Wartet eine Sekunde!“ Besagte Sekunde später kommt er mit einem Teller voll Früchten wieder und schreit in den Wald: „Monkey, monkey, ah, ah ah. Monkey, monkey, ah, ah, ah!“ Kurz darauf hört man erstes Rascheln und Kreischen aus dem Wald und noch ein bisschen später tummeln sich fünfzehn bis zwanzig Affen in den Baumkronen und warten auf das ihnen versprochene Essen! Ein beeindruckendes, wie auch belustigendes Schauspiel. Mit dem erbeuteten Obst hatten sie es ganz eilig schnell wieder auf die Bäume zu kommen, um sich dort ausgiebig mit der Beute zu beschäftigen.

Die Machtverhältnisse im Kapf um die Nahrung sind klar verteilt

Allein dafür hat es sich die Reise schon gelohnt. Danach schaffen wir es sogar noch, im Wald spazieren zu gehen – keine Angst, natürlich mit Guides, auf ungefährlichen Wanderwegen, vorbei an Wäldern, Wiesen, Ananas- und Bananenplantagen. Eine wirklich schöne und erholsame Tour. Schade, dass ein großer Teil der tropischen Wälder Bangladeschs in den vergangenen Jahrzehnten Nutzfläche weichen musste.

Kurz darauf macht sich allerdings das ungute Gefühl breit, dass uns der Fluss verlassen hat. Die Wanderung ist beendet, wir sind wieder in dem kleinen Örtchen Modhupur. Inzwischen ist die Sonne untergegangen und wir müssen irgendwie wieder zurück nach Mymensingh kommen. Angeblich fährt irgendwann noch ein Bus. Nach 10 Minuten warten hält an der wenig belebten und noch weniger befahrenen Hauptstraße ein Krankenwagen. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter: „Wollt ihr nach Mymensingh? Dann steigt ein!“

Über Mymensingh und Bhairab Bazar geht unsere Reise weiter nach Srimangal, in Bangladeschs Zentrum des Teeanbaus. Wieder kommen wir spät abends an, wieder lässt sich die Unterkunft irgendwie regeln, wieder läuft alles glatt und wieder haben wir eigentlich keinen richtigen Plan, was uns eigentlich erwarten wird.

Am nächsten Tag wandern wir gemeinsam mit einem Guide namens Eussuf, den wir noch am Abend kennen gelernt haben, zwischen Tee- und Limonenplantagen umher, lassen die malerische Hügellandschaft von Srimangal auf uns wirken und probieren den berühmten 5-lagigen-Tee (der leider nicht ganz halten konnte, was er versprach). Das Highlight des Tages sollte sich aber ereignen, als die Sonne schon langsam untergeht. Die letzte Station unserer Tour: Einer der letzten Regenwälder Bangladeschs.

Arbeiterinnen ernten Teeblätter

Landschaft in Srimangal

Und dann, ganz plötzlich, mit dem Betreten des Dschungels, ein Bruch in meiner Reisewahrnehmung: Der Fluss versiegt, obwohl wir uns stetig tiefer durch den dicht bewachsenen Wald kämpfen. Dunkelheit legt sich langsam über die tropischen Pflanzen des Waldes. Um uns herum baut sich eine mächtige Geräuschkulisse auf, die uns von der Außenwelt abschirmt: Insekten zirpen, Flügel schlagen, Rascheln dringt aus dichten Sträuchern, von weiter weg hört man einen Affen kreischen. Über uns pfeift ein Vogel sein Lied. Er klingt bunt. Ich will ihn sehen, doch der Blick in die Meter hohen, in Dunkelheit getauchten Baumkronen lässt die Suche nach dem Tier aussichtslos erscheinen. Die Wahrnehmung ist so sehr auf die Natur um uns herum gebündelt, dass die Welt um uns herum still zu stehen scheint. Vielleicht hört sie auch kurz auf zu existieren, ganz sicher bin ich mir da nicht. Da müsste man mal einen Philosophen fragen.

In dem dichten Wald sollte man sich besser nicht aus den Augen verlieren...

20 Minuten streifen wir so mit einem Adrenalinspiegel durch den Dschungel, der den höchsten Bäumen hier locker gewachsen sein dürfte. Abgesehen von ein paar dicken Spinnen, Käfern und anderen Insekten bekommen wir zwar nichts zu Gesicht, trotzdem ist klar, dass sich genügend gefährliche Tiere ganz in unserer Nähe aufhalten. Dazu kommt dass wir nicht sicher, ob Eussuf den richtigen Weg noch kennt. Er wirkt unsicher. Doch mit einem Schlag wird die Spannung, diese dichte Atmosphäre im Inneren des mächtigen, unberührten Waldes von dem Geräusch eines vorbeifahrenden Autos zerschnitten. So plötzlich, dass jeder Gedanke daran, diesen einzigartigen Moment irgendwie festzuhalten, schon vergebens ist, sobald er zu Ende gedacht ist. Auf einmal befinden wir uns wieder mitten im Verkehrsfluss, der uns bereitwillig wieder in sich aufnimmt, um uns mitsamt diesem einzigartigen Erlebnis wieder nach Hause zu bringen.


Dieses freundliche Tier hat Lukas entdeckt, weil er es quasi im Gesicht hatte

Am Ende habe ich doch noch ein paar bunte Vögel vor die Linse bekommen

Das entspricht in etwa unserer Reiseroute

Samstag, 12. Februar 2011

Eindrücke aus Bangladesch

Bettelndes Mädchen mit Blumenkette an der Universität von Dhaka




Fischer im Tista River




Sorgenvolle Projektteilnehmerinnen




Wasserträger nachdem er den Fotografen erblickt hat




Ein ganz normaler Vormittag für diese Kinder




Ungewöhnlicher Anblick: Es ist gar keine Kuh auf dem Boot




Anlegestelle auf einer Schwemmlandinsel




Nachdenkliche Hausbesitzerin




Schatzsucher: Für andere ist es nur Müll...




Reissetzlinge vor dem Pflanzen




Der Tag neigt sich dem Ende





Montag, 24. Januar 2011

Entbehrungen, die keine sind

Auf Wunsch einer einzelnen Dame schreibe ich heute darüber, was ich als die größten Unterschiede zwischen Bangladesch und Deutschland im Alltag empfinde, was mir bisher besonders gefällt, was mir auf den Keks geht und was ich am meisten vermisse. Das kurz und knapp in Worte zu fassen ist unmöglich, weil Bangladesch und Deutschland eben nicht nur verschiedene Länder, sondern verschiedene Welten sind. Einfacher wäre es wahrscheinlich die Gemeinsamkeiten aufzuzählen. Darum beschränke ich mich auf drei Punkte.

Über das 'Ausländer sein' in Bangladesch habe ich zwar schon berichtet, aber ich komme kaum darum herum, noch einmal auf die Gastfreundschaft einzugehen. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass mein Blickwinkel zu verengt wäre, würde ich diese nur darauf zurückführen, dass ich Ausländer bin. Es ist Teil der Kultur und Teil dessen, wie sich Menschen, egal welcher Herkunft, in Bangladesch begegnen. 'Offen, frei von Misstrauen oder Vorurteilen und unheimlich herzlich', trifft es nach meinen bisherigen Erfahrungen ganz gut.

Aktuell bekomme ich dieses Gefühl vielleicht auch etwas zu geballt vermittelt, um noch objektiv darüber urteilen zu können. Seit Anfang Dezember habe ich endlich meine endgültige Bleibe, eine Mietwohnung nahe meines Büros, bezogen. Die ersten drei Monate habe ich in verschiedenen Städten, Hotels, Guesthouses und sogar im Büro gewohnt. Jedenfalls wurde ich von meinen neuen Nachbarn nicht nur freundlich empfangen und akzeptiert, sondern quasi direkt in die Familie aufgenommen. Die kleine Bromi von nebenan nennt mich „uncle“ und ihre beiden Brüder, Ontur und Alif, würden wohl am liebsten direkt mit bei mir einziehen. Das könnte allerdings daran liegen, dass man in meiner Wohnung so gut Badminton spielen kann, weil ich kaum Möbel habe.

Klar ist es müßig und unangemessen Vergleiche mit Deutschland anzustellen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass sich viele Menschen von der Offenheit, Unvoreingenommenheit und der Gastfreundschaft der Bengalen, eine kleine Scheibe abschneiden könnten. Ich werde mir jedenfalls alle Mühe geben von ihnen zu lernen, um eine solche kleine Scheibe mit nach Deutschland nehmen zu können.

Da ich noch keine Fotos von meinen Nachbarn habe, muss ich die Lücke mit einem Bilderrätsel füllen: Welche "Frucht" wächst an dieser Palme, die sich genau vor meinem Fenster befindet?

Abend in Rangpur:

Nun aber zu den Unannehmlichkeiten, es ist ja nicht alles nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ in Bangladesch. Um mich vor der Konfrontation mit dem schwierigen Thema Armut noch ein bisschen zu drücken, habe ich mich für ein anderes Ärgernis entschieden: die regelmäßigen Stromausfälle! Jetzt im Winter ist die Versorgung zwar einigermaßen stabil, wenn aber bei über 35° der Strom für Stunden ausfällt und kein Ventilator mehr ein Lüftchen produzieren möchte, dann kann einen das schon zur Weißglut treiben.

Bambuswälder können da zum Glück oft mit ein bisschen Schatten aushelfen:

Man gewöhnt sich zwar schnell daran, dass man regelmäßig buchstäblich im Dunkeln gelassen wird, aber Strom zu haben ist an sich doch eine gute Sache. Vor einiger Zeit war ich bei einem Arbeitskollegen zum Abendessen eingeladen. Der Reis war schon auf dem Teller, da macht es kurz „Klack“ und wir sitzen im Dunkeln. Kein Problem, entweder isst man einfach weiter und erhofft sich, keine allzu große Schweinerei anzurichten oder man wartet, bis der Strom wieder da ist. Oder man bemüht sich um alternative Lichtquellen. Nebenan hatte ich eine Taschenlampe gesehen und dachte mir, ich tue uns mal was Gutes und hole sie. Leider hatte ich nicht mitbekommen, dass es sich eine der Hauskatzen unter meinem Stuhl bequem gemacht hatte... Nichts ahnend stehe ich auf, was von einem lauten „Miau“ begleitet wurde, weil ich dem armen Tier auf den Schwanz getreten bin. Sie revanchierte sich, indem sie mir einmal herzhaft in den Fuß biss und so waren wir uns dann quitt!

Okay, das ist jetzt natürlich nur bedingt dramatisch. Die erheblichen Engpässe haben für Bangladesch weitaus schlimmere Folgen als für die Katze und mich. Der Bedarf kann in Bangladesch bei weitem nicht gedeckt werden. Experten sagen, dass derzeit nur etwa zwei Drittel des Energiebedarfs des Landes gedeckt sind. Und das schränkt Potenzial ein: Das Potenzial der Menschen, sich zu entfalten und das Potenzial der Wirtschaft zu wachsen.

(Wer mehr über das Thema „Energiekrise in Bangladesch“ lesen möchte: In der aktuellen Ausgabe der Bangladesch-Zeitschrift "Das ist unser Land" finden sich dazu einige interessante Artikel)

Was vermisse ich am meisten? Natürlich Familie und Freunde, keine Frage. Da ich aber fast rund um die Uhr von netten Menschen umgeben bin, die sich um mich kümmern, bleibt kaum Zeit, dass das Gefühl des Vermissens sich mal so richtig ausbreitet. Dennoch finde ich es selbstverständlich schade, dass ich die Freundeskreis-Babies erst in knapp einem ¾ Jahr kennen lernen darf, dass ich den 90. Geburtstag meiner Oma nicht mitfeiern konnte und dass ich sicher noch viele andere Ereignisse verpassen werde.

In anderen Bereichen ist es ähnlich, ich habe scheinbar zu selten mal die Gelegenheit irgendetwas zu vermissen. Nehmen wir das Beispiel Essen: Der Gedanke an eine selbst gemachte Pizza, Grünkohl oder ein Schwarzbrot mit Käse macht mir natürlich Appetit! Aber ärgern tue ich mich überhaupt nicht darüber, dass ich so etwas im Moment nicht bekommen kann. Die Pizzalücke wurde erfolgreich mit Singara und Samosa gefüllt, der Grünkohl schon lange von Shak überrundet und frisch gebackene Ruti mit Dal sind mindestens auf Augenhöhe mit Schwarzbrot und Käse. Ich genieße die neuen Dinge einfach viel zu sehr, um irgendetwas anderes vermissen zu können.

Reiskuchen in einem Dorf in Kaunia, frisch zubereitet von einer unserer Projektteilnehmerinnen:

Besuch aus Deutschland und Muglai in einer Teebude:

Was sie mit dem Thema Essen zu tun hat? Na ja, besonders berühmt für seine Milchprodukte ist Bangladesch nicht gerade...:

Am Ende ist es wahrscheinlich Einstellungssache, wie sehr man Dinge und Luxus vermisst, die man lange Zeit gewohnt war. Entbehrungen zu machen fällt aber auch viel leichter, wenn man sieht, dass die Menschen mit denen man täglich zusammen arbeitet, solchen Luxus nie gehabt haben. Klar jetzt im Winter hätte ich schon gerne eine heiße Dusche, eine Heizung in der Wohnung oder würde auch dem Markt nach einen Glühweinstand absuchen. Man lernt aber doch ziemlich schnell, diesem Luxus seinen eigentlichen Stellenwert einzuräumen und ihn nicht mehr als Notwendigkeit zu betrachten.

Montag, 20. Dezember 2010

Ein strahlendes Exempel

Darshana, eine Kleinstadt im Südwesten Bangladeschs. Etwa eine Stunde mit der Bahn von Jessore entfernt, wo das Hauptbüro meiner Partnerorganisation Jagorani Chakra Foundation liegt. Mit einem Kollegen, sein Name ist Mazed, bin ich hier her aufgebrochen, um Treffen von Frauengruppen zu besuchen. Das besondere dieser Frauengruppen: Sie haben bereits vor acht Jahren angefangen im Rahmen eines Projektes mit JCF zusammen zu arbeiten. Seitdem hat sich in ihrem Leben einiges geändert.

Vom Regionalbüro der Organisation fahren wir noch eine halbe Stunde über holprige und teilweise nicht befestigten Straßen mit dem Motorrad. Dabei weichen wir unzählige Male erst im letzten Moment den auf der Straße faulenzenden Kühen und Ziegen aus und werden von unberechenbar die Straße überquerenden Hühner überrascht, bis wir endlich in der abgelegenen Projektregion ankommen. Es ist so drückend heiß, dass mir der Schweiß von der Stirn rinnt. Das Dorf ist eine Ansammlung von Wellblech-, Lehm- und Strohhütten. Überall laufen Tiere frei herum oder sind irgendwo angekettet. Es ist Vormittag, darum arbeiten gerade viele Menschen auf den umliegenden Feldern. So bildet sich nicht so schnell eine neugierige Menschenmenge, was sonst oft der Fall ist, wenn wir Dörfer besuchen.

In der Mitte der Siedlung ist ein kleiner Platz. Unter Bäumen sitzen zehn, vielleicht 12 Frauen auf dem Boden. Fast alle von ihnen galten als extrem arm, als sie vor acht Jahren von NETZ und Jagorani Chakra Foundation ausgewählt wurden, um an dem Projekt teilzunehmen. Inzwischen konnten alle ihren Lebensstandard deutlich verbessern.

Wir stellen uns kurz vor und lassen uns erklären, was seit Beginn des Projektes alles passiert ist. Ich bin wahnsinnig beeindruckt von dem abgeklärten Auftreten, mit dem die Frauen von ihren Errungenschaften erzählen. Sie wirken sehr selbstsicher und stolz auf das Erreichte. Alle haben zu Projektbeginn eine Kuh, Hühner, ein Gemüsebeet oder Ähnliches bekommen. So wie es auch bei den Frauen aus meinem letzten Bericht der Fall war. Inzwischen haben viele von ihnen ganze Ställe voll mit Tieren, besitzen eigenes Land, eigene Felder und eine Frau konnte es sich sogar leisten ein eigenes Backsteinhaus zu bauen.

Mir wird sehr schnell deutlich, dass der Zusammenhalt in der Gruppe essentiell für den gemeinsamen Erfolg ist. Zusammen gehen viele von ihnen auf den Markt, um sich dort nicht übers Ohr hauen zu lassen, wenn sie ihre Ernte oder ihr Vieh mit Profit verkaufen wollen. Gemeinsam sparen sie jede Woche ein paar Taka, um Aktionen in der Gruppe durchführen zu können und gemeinsam haben sie Proteste organisiert, als eine der Frauen von einem Mann im Dorf missbraucht wurde. Gemeinsam sind sie stark! Inzwischen ist ihre Gruppe so unabhängig, dass sie andere Frauen im Dorf unterstützen können, wenn es ihnen schlecht geht.

Mazed erklärt mir, dass seit Projektbeginn alle Frauengruppen eine oder zwei Vertreterinnen gewählt haben, die ihre Gruppe bei Treffen von Kommunalgruppen vertreten. Diese Kommunalvertretungen, insgesamt sind davon in dem Projekt 33 entstanden, bilden einen Überbau und überwachen die Tätigkeiten der Gruppen. Sie können einschreiten, wenn es in einer Gruppe Probleme gibt oder Unterstützung organisieren, wenn diese nötig ist. Sie verfügen über eigene finanzielle Mittel, die sie aus den Ersparnissen der Frauen und aus ihrem Profit erwirtschaften oder die von dem Projekt zur Verfügung gestellt und sinnvoll investiert wurden. Hieraus haben sie zum Beispiel einen Risikofonds gebildet, mit dem Frauen in Notlagen unterstützt werden, beispielsweise wenn eine Frau ihr Vieh durch Krankheit oder eine Naturkatastrophe verliert.

Begeistert von den selbstbewussten Frauen und den gerade gewonnenen Eindrücken, steige ich wieder auf das Motorrad. Das nächste Treffen steht schon an. Nicht irgendein Treffen, erklärt Mazed unterwegs. Die Kommunalgruppen haben nämlich ebenfalls Vertreterinnen gewählt, die sich wiederum zu einem Gremium zusammengeschlossen haben. Es wird als Föderation bezeichnet und bildet den Dachverband aller Frauengruppen.

Wir durchqueren einige der typisch ländlichen Dörfer und halten dann irgendwann vor einem kleinen Haus. Die Frauen haben uns schon kommen hören und überreichen uns zur Begrüßung zwei Blumensträuße. Innen gibt es keine Stühle oder Tische, wir setzen uns einfach zu den Frauen auf den mit Planen ausgelegten Lehmboden. Die Hitze staut sich unter dem Wellblechdach. Zum Glück lässt sie niemanden im Raum kalt und so werden schnell alle bedürftigen Personen mit Fächern versorgt. Ich bitte die Frauen mir zu erklären, was es denn eigentlich mit dieser Föderation auf sich hat. Die Vorsitzende erklärt mir, dass dieser Dachverband sehr wichtig für die Frauen ist, um irgendwann komplett unabhängig von Hilfe von außen sein zu können. Sie steuern inzwischen schon viele der Tätigkeiten, die von den Gruppen durchgeführt werden, stimmen darüber ab, wer neu aufgenommen werden sollte und organisieren Treffen mit Gruppen aus anderen Regionen. Auch verfügen sie über mehrere Einkommensquellen und können die Frauen so finanziell unterstützen. Sogar ein paar Angestellte, zum Beispiel für die Buchhaltung, können sie dadurch schon beschäftigen. Ihr Ziel sei es, so die Vorsitzende, irgendwann auch finanziell völlig unabhängig agieren zu können und so stark zu sein, dass sie anderen extrem armen Frauen dabei helfen können, sich aus ihrer misslichen Lage selbst zu befreien. So wie einst ihnen geholfen wurde.

Ihr ganzer Stolz ist aber das mehrstöckige Hauptgebäude, das sich gerade im Bau befindet. Wenn es fertig gestellt ist, soll es den Frauen als Bürogebäude dienen, Räume für Trainings und Meetings haben und als Lager für die Erzeugnisse der Gruppen dienen. Viel wichtiger wird aber der ideelle Wert des Gebäudes sein: so solide und imposant das Bauwerk sein wird, so solide und unverrückbar ist es, dass sich die Frauen dauerhaft der Armut entledigt haben.

Später erklärt Mazed mir, dass diese Frauengruppe hoffentlich schon bald ein strahlendes Exempel für Bangladesch sein wird. Derzeit läuft der Antrag, dass die Föderation als eigenständige Organisation anerkannt wird. Es wäre die erste Organisation, die sich aus extrem armen Frauen zusammengeschlossen hat. In Zukunft soll Jagorani Chakra Foundation dann nur noch beratend tätig sein, wenn Hilfe benötigt wird.

Ich bin überwältigt von dem was ich am heutigen Tag gesehen habe. Bisher hatte ich nur Projekte kennen gelernt, die noch in den Kinderschuhen stecken. Die Frauen wirkten oft hoffnungslos und verzweifelt (wie im Blogeintrag „Gefesselt an die Gegenwart). Es ist kaum zu glauben, wie viel sich in acht Jahren ändern kann. Nicht nur was die ökonomische Situation der Frauen angeht. Besonders das selbstbewusste Auftreten, das Leben, das in ihren Worten steckt, der optimistische und motivierte Blick in die Zukunft haben mich zutiefst beeindruckt.